Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 10)
- Language
- German
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185 in den niederrheinischen Städten heimgesucht, und Erdbeben und Ueberschwemmungen das mühselig erworbene und noch sehr geringfügige Eigentum der Juden verschlungen hatten, War er bei der Geburt meines Vaters, des ältesten seiner drei Söhne, schon wieder zu einigem Wohlstand gelangt. Im Jahre 1770 wurde dieser in der Judengasse in Frankfurt geboren. Das Haus meiner Großeltern lag schrägüber von dem Rothschildschen, in dem Meyer Anschel, der nachmals in der Geschichte des Welthandels zu so großer Berühmtheit gelangte, wohnte. Ich habe, als ich viel später an der Seite meines Gatten die Vaterstadt besuchte, dieses Haus gesehen, wie es mit seinen Giebeln und kleinen, dicht aneinander geschobenen, kleinscheibigen Fenstern, der schmalen Eingangspforte und den überhängenden Gesimsen dastand, eigentlich unscheinbar und jedenfalls in seinem Aeußern nicht verratend, daß über Weltgeschicke hinter diesen Mauern verhandelt wurde. Mein Vater war in dem Hause nachmals viel ein und ausgegangen und Segen und Glücksgüter kamen von dort in das Haus meiner Eltern. Auch dieses habe ich damals wiedergesehen. Ganz schmal, es hatte nur zwei Fenster Front, stieg drei Etagen hoch empor und endete in einem von zwei Schornsteinen überragten Giebel. Dicht daneben, so eng aneinander gedrückt, wie die Juden zu jenen Zeiten es waren, stand ein Haus, über dessen schiefgetretene, verwitterte Treppe, einer der schärfsten und charakteristischsten Söhne dieser Judengasse aus- und eingegangen war. Ludwig Börne ... Löb Baruch, wie er eigentlich hieß. Der Tag seiner Geburt war meinem Vater in besonderer Erinnerung. Es war der 18. Mai 1786, an dem er, damals 16 jährig, meine Mutter, die zwölfjährige Rähel Kassel, die er vier Jahre später heiratete, zum ersten Male gesehen hatte. Sie war mit ihrer Tante zu Frau Baruch gekommen,, die dieser nach der Geburt des Sohnes einige Erfrischungen bringen wollte. Diese Anverwandte Rahel Kassels, meiner Mutter, war aber auch mit Meyer Anschels Frau verschwägert. So knüpften sich in dem engen Judenviertel die Familienbande hinüber und herüber. Das alles liegt heute fast sagenhaft zurück, und wenn ich es erwähne, so geschieht es, um die verhältnismäßig kurze Zeitspanne zu überblicken, die von