Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Haus, in dem ich aufwuchs. Mein Vater stammte aus einer begüterten Familie, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus Ungarn nach dem Rheinland eingewandert war. Erst in Worms ansässig, kam mein Großvater später nach Frankfurt und gelangte dort in der Judengasse, aus der die hervorragendsten Finanziers der Welt hervorgingen, zu Ansehen und Vermögen. Die späteren kriegerischen Zeitläufte hatten dieses zwar teilweise wieder aufgezehrt, aber in der Familie erhielt sich der väterliche Wohlstand großmütterlicherseits sogar mit den größten der Handelswelt, die unter dem Namen Rothschild auf den Geldmärkten eine führende Rolle spielten. Ein gewisses Selbstgefühl hatte sich jedenfalls den Nachkommen ausgeprägt, und mein Vater war eigentlich ein stolzer, sehr zurückhaltender Mann, der sich von seinen damaligen Glaubensgenossen wesentlich unterschied. Nicht, daß er etwa nicht in voller Glaubenstreue zu ihnen gehörte, im Gegenteil er war Jude mit Seele und Leib, aber er hielt sich ihnen sern, in seiner ganzen Lebenshaltung. Die Juden waren in jener Zeit schon dadurch, daß sie auf bestimmte Ansiedlungs- und Wohnrayons beschränkt waren, zu einer gewissen Solidarität beinahe gezwungen. Die Gebräuche, die religiösen Uebungen, die Heilighaltung der Sabbate und Festtage brachte sie ohnedies einander näher und in der Synagoge schienen sie alle gleich. Aber es gab merkliche Unterschiede und merkwürdigerweise waren es nicht die idealen Güter, die diese herbeiführten. Wenn auch die Talmudgelehrsamkeit hoch in Ehren stand, so hatte Besitz und Reichtum doch die größte Bedeutung und der reichere Jude galt häufig auch als der bessere Jude. Sie hatten einen ganz bedeutenden Respekt vor dem Gelde, vielleicht weil es das beste und einzige Mittel war, ihnen zu Macht und Stellung zu verhelfen. Was ich hier niederschreibe, hat meine Mutter mir erzählt, die Gottes Gnade mir bis in ein hohes Alter erhielt. Von ihr weiß ich auch manches von den Wandlungen, denen die Juden in Deutschland ausgesetzt waren und von der Geduld, Widerstandskraft und Zähigkeit, mit der sie es durchmachten und überwanden. Während mein Großvater Veit Sinsheimer nach Frankfurt gekommen war, nachdem in den Jahren 1755 und 56 schreckliche Katastrophen die Ghettos