Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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183 Betrachtung, die uns alles klarer und wahrer erscheinen läßt, genoß ich eines guten, edlen Menschen Herrlichkeit. Und so viel er mir gegeben, da er neben mir geweilt, er gibt mir mehr und immer mehr, da ich seiner gedenke. Denn von seinem Tun ist das Alltägliche abgefallen, das Banale, das unserm Erdenwallen naturgemäß anhastet . . . Das Ewige aber bleibt, das Gottgeweihte, das Gottgefällige! Und wenn es so vor mich hintritt in der Stille und Einsamkeit meines jetzigen Lebens, dann erscheint es mir immer schöner und reicher und wird mir immer lebendiger. Meine Tage sind erfüllt von tausend Dingen, von unendlichen Zusammenhängen mit Welt und Leben. Ich empfinde dieses Alleinsein, wie ein Geborgensein. Oft kehre ich in meinen Gedanken auch zu mir zurück. Mit mir selbst beschäftige ich mich, wie ich war, wurde und bin . . . eine alte Frau! Lachet nicht, die ihr dieses leset, ich fühle mich jung mit meinen 68 Jahren! Und am heutigen Tage beschließe ich, meine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Ich bin als das jüngste Kind meiner Eltern am 14. März 1819 geboren, wie mein Vater aus dem Blatte seiner Bibel, in der die Geburts- und Todestage seiner Kinder eingetragen wurden, verzeichnete. Biele Todestage waren darunter, denn von den 9 Kindern, die meine Eltern hatten, waren 4 bereits gestorben, ehe ich das Licht der Welt erblickte. Mit frommer Freude begrüßt. Die Mutter hatte auf weiteren Kindersegen nicht mehr gerechnet, und so wurde die Nachgeborene mit geheimem Stolz und innigster Zärtlichkeit ausgenommen. Nesthäkchen, nennt man das heutzutage. Damals war das hübsche Wort noch nicht bekannt, aber der liebenswürdige Sinn vergoldete auch damals schon meine Kindheit. Im Judenhaus galt das Jüngstgeborene als etwas Bevorzugtes, dem die älteren Geschwister neidlos alle möglichen Vorrechte einräumten. Schon Benjamin, Israels Jüngstgeborener, war seiner Brüder Verzug. Und Benjamin war fünfmal mehr gegeben als den anderen, von Josef, seinem Bruder, „und er gab ihnen allen, jeglichen ein Feierkleid; aber Benjamin gab er dreihundert Silberlinge und fünf Feierkleider ..." So ein Verzug war auch ich. Alles was die Geschwister mir Gutes erweisen konnten, geschah. Es war ein vornehmes