Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111082-3113597--2177-3113797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
182 behaglich umspielen, wie so oft, wenn wir alle drei beieinander saßen, und wir werden wieder beisammen sein, und ihr werdet mich nicht betrauern — nein, lieben werdet ihr mich und meiner in Freudigkeit gedenken. Und nun, an dieser Stelle meines Briefes angelangt, wird Johanna, die getreue, euch das Abendbrot servieren . . . Drücke nur auf die Klingel, Ruth, sie weiß genau Bescheid! Ich habe das Menu gemacht zu dieser Mahlzeit. Eure Lieblingsgerichte! Wie sonst, wenn ihr alljährlich euch bei mir einfandet. Auch heute seid ihr meine Gäste ..." Laut ausschluchzend barg Ruth das Gesicht in den Händen, Esther aber vollendete mit fester Stimme: „Und ich bin unter euch!" „Heute sind es zwei Jahre her, daß mein treuer Gefährte, der edle, vornehme Mann, den ein günstiges Schicksal mir an die Seite gestellt hat, zur Ewigkeit eingegangen ist. Am 22. September des Jahres 1885. Achtundvierzig Jahre haben wir des Lebens Freud und Leid mit einander getragen. Viel Leid! So drängt es sich mir in die Feder. Und doch ein einziger Tag der Freude war mein Zusammenleben mit ihm, denn neben einem guten Menschen wohnen, ist Freude! Dieser Tag war oft verdunkelt von Sorge und Not; die schweren, düstern Wolken tiefsten Kummers, unsäglicher Schmerzen zogen darüber hin, aber aus dem Dunkel erhob sich der helle Schein echter Güte, reinster Gesinnung und tatkräftigen Mannesstolzes stets aufs neue . . . Das war mein Gatte, der Sanitätsrat Michael Ferdinand Ehrenfest. Er hat sein Leben vollendet und die Grenze des prophetischen Alters erreicht, rüstig und geistesklar. Ohne Krankheit und Gebrechen war er bis zu seinem Tode, der plötzlich eintrat. Die erste traurige Stunde, die er mir bereitete. Aber trostlos war sie nicht, denn ich gedachte seiner, und was er mir gewesen und was er mir — geblieben! Nichts tröstlicheres in solchen Stunden der Vereinsamung, als dieser seelische Zusammenhang mit einem Wesen, das dem Irdischen seinen Zoll gezahlt hat. In mir erlebe ich diese feine, kluge Persönlichkeit noch einmal und in jener grausigen