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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 181

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 181 (sequence 6)
Language
German
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181 — mir diese Ideen, gewinnen sie Gestalt und Klarheit und ich will sie festhalten für euch. Wenn du und Ruth zurückkehren werdet von meinem Grabe, an dem ihr auf meinen besonderen Wunsch allein stehen sollet, dann werdet ihr, in der braunen Truhe neben meinem Bette, das einst mein Sterbebett sein wird, eine Mappe finden, in deren Blättern meine Erinnerungen und Gedanken ausgezeichnet sind. Oeffnet sie erst am dritten Tage nach meinem Heimgange, wenn schon etwas Ruhe in eure aufgewühlten Gemüter eingekehrt sein wird. Denn ich weiß, ihr werdet meinen Tod sehr schmerzlich empfinden. Insbesondere Ruth, die Zarte, Weichherzige. Nicht, daß ich glaube, du, meine Esther, wirst mein Abscheiden weniger beklagen, aber du bist stark und aufrecht, und darum wende ich mich an dich, um meinen letzten Willen kundzugeben. Bleibe mit Ruth vereint, bis sie die ersten heftigen Schmerzenseindrücke verwunden hat und sich zurückfindet in den gewohnten Gang des Lebens. Ich hoffe, es wird ihr leichter werden, wenn sie mein geistiges Vermächtnis empfangen haben wird. Zusammen sollt ihr es lesen, und ich treffe meine Anordnungen darum schon heute und in voller Gesundheit und Geistesfrische und in der leisen Hoffnung, daß der Tag der Erfüllung noch fern sei. Aber bereit sein, ist alles! Und darum rüste ich bei Zeiten. Du wirst, meine geliebte Esther, diesen Brief zugleich mit der Nachricht von meinem Tode empfangen, möge er dir den ersten Trost bringen. Ruth teile seinen Inhalt mit, wenn ihr vom Friedhof heimkehrt, auf dem ihr zurückließet, was sterblich war an mir. Meine Seele aber geleitet euch zurück, und wenn ihr in dem traulichen, freundlichen Zimmer sein werdet, in dem ich in diesen letzten, reichen Jahren meines Lebens so viel innige, innerste Gedanken gesponnen habe, dann denket, ich weile unter euch und Ruhe und Sammlung ziehe in eure Herzen ein. Ich habe in meinen letzten Bestimmungen festgesetzt, daß meine Beisetzung erfolge, wenn der Tag zur Ruhe geht ... sei es Sommer oder Winter, Frühling oder Herbst, wenn die Erde mein irdisch Teil in sichaufnimmt. Und wenn ihr dann nach Hause kommt, wird des Abends milde, geruhsame Stimmung sänstigend auf eure betrübten Herzen wirken, der Lampe stiller Schein euch

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