Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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180 du, Ruth, es wird mir immer klarer, daß sie alle Ereignisse, alle Zusammenhänge der Welt, nur aus einem Punkte betrachtete oder richtiger aus zwei Punkten . . . Ruth und Esther! Aus ganz entgegengesetzten, denn das sind wir doch, Ruth. In ihrem Herzen aber waren wir eins . . . eines in der Liebe, mit der sie uns umfaßte ..." „Wie glücklich bist du, Esther, daß du dir das alles so sagen kannst, daß dir all dieses Schöne, Große so gegenwärtig ist. Ich ... ich konnte es wohl fühlen, empfinden! Aber es mir so klar machen ..." sie weinte wieder heftiger und stammelte unter Schluchzen: „Aber jetzt! Gefühle, Empfindungen verblassen, ersterben, wenn sie nicht genährt werden . . ." „Der Geist erhält sie lebendig!" Sie erhob sich bei diesen Worten und trat vor Ruth hin. Hochaufgerichtet die königliche Gestalt. „Ruth! Die Großmutter hat uns ein Vermächtnis hinterlassen. Hier in diesem Briese kündigt sie es mir an." Sie zog einen Brief aus der Tasche ihres lang herabwallenden Trauergewandes. Mit suchendem Auge überflog sie den Inhalt des Schreibens, dann las sie: „Und nun meine teure Esther, noch eines. Ich habe nach des Großvaters Tode, als meine selbstgewählte Einsamkeit nur noch von meinen Erinnerungen belebt war, für euch diese ausgezeichnet- Für dich und Ruth. Das Altern wäre eine unangenehme Beschäftigung, wenn man sich nicht zu verjüngen vermöchte, indem man noch einmal überschaut, was man durchlebt . . . wie! Und so aus einer Distanz, die uns das geistige Nachkosten unserer eigenen Persönlichkeit gestattet, wächst das Licht und die Schatten sinken. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir unser Erdenwallen nur beenden, um Gottes Herrlichkeit zu schauen. Als Jüdin glaube ich das und als ein Menschenkind, dem vieles sich offenbart hat. Wer seine Kraft wachsen gefühlt unter des Daseins Schwere und Bitternis, der erkennt ein allmächtiges Gesetz über den Dingen- Warum sollte ich darin nicht etwas Unendliches, Wundervolles erschauen? Hat es mich doch erhoben, als ich zerschmettert am Boden lag. Jetzt in der großen, nachdenklichen Ruhe meines durch euch gesegneten Alters, erstehen