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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 179

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 179 (sequence 4)
Language
German
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179 den eine Lampe mit grünem Schirm bedeckt, ein mildes Licht ausbreitete. „Dort in jenem Stuhle saß sie, als ich sie zum letzten Male gesehen, dort, Esther. Vom Schimmer der Lampe war das edle, gute Gesicht sanft beschienen ..." sie brach in nur mühsam beherrschtes Schluchzen aus, „dort Esther . . . Und jetzt ist dieser Platz leer für immer . . . und vor ihrem Grabhügel, ja weißt du Esther, vielleicht ist es sündhaft, daß ich es sage, aber ... ja, in diesem Moment, wo die ersten Schollen herabfielen aus ihren Sarg, fühlte ich mich verwaist." Esther sah sie lange an. In ihren großen, dunkeln Blicken stieg etwas Geheimnisvolles auf, und dann als sammle sie ihre Gedanken nur langsam, sprach sie mit verhaltener Stimme: „Ihr Scheiden reißt eine große Lücke in unser Leben. Hier war immer ein Plätzchen, wo ich von seiner Unrast, von seinen Anforderungen, von seinen Wirrnissen und Erfolgen ausruhen konnte . . . mich sammeln . . . nun ist auch das vorbei! Ganz auf mich selbst gestellt, muß es nun weitergehen, vorwärts . . . Kein kluges Lächeln gebietet mehr Halt . . . wortlos nur, aber ausdrucksvoll." Sie ließ sich am Tische nieder und stützte den Kopf auf die Hand. Auch Ruth hatte sich allmählich beruhigt und lauschte auf ihre Worte, dann seufzte sie tief und sagte mit leiser Stimme: „O, Esther . . . Esther!" „Was nutzt es, Ruth, über Unabänderliches zu klagen! Denke nur, was sie erlebt und wie sie es getragen! Wir sind jung und begruben heute eine alte Frau . . . das ist die schlichte Tatsache . . . Naturgesetz! Niemand wird es anders ansehen und anders beurteilen, und niemand wird uns verstehen in der Besonderheit unseres Schmerzes. Nur sie wußte es, was es für uns bedeuten wird, an ihrer Bahre zu stehen. Ruth und Esther! An Naemis Grab!" Ein seltsames Leuchten ging über ihr Antlitz, fast wie ein Lächeln. Es entging Ruths gesenktem Blick. „Und darum auch wohl die sonderbare Anordnung, daß zu ihrem Begräbnis niemand kommen solle, als du und ich, niemand aus unserm Familienkreise. Wir beide, denen ihr Leben geweiht war, wir beide, die ihr Leben erfüllten. Weißt 12*

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