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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 178

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 178 (sequence 3)
Language
German
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178 Das kleine Mädchen achtete nicht auf seine Antwort, sein lebhafter Geist war längst mit anderem beschäftigt; Naemi aber hatte ihn verstanden. Vorsichtig erhob sie sich und reichte das schlummernde Kind der eintretenden Wärterin, die es mit hinaus nahm. Esther aber spielte zu ihren Füßen. Den brennenden, wühlenden Schmerz verschloß sie in den tiefften Schrein ihres Herzens. Als sie am nächsten Morgen aufstand, war ein Silberschein auf ihr braunes Haar gefallen. Der Mann bemerkte es, aber er sagte kein Wort. Rührung und Wehmut zogen durch seine Seele. Sie aber . sah es nicht. Sie blickte hinaus über ihren äußeren Menschen, in die Weltenweite, die das Unglück ihr erschlossen. Ihr Blick suchte die Wüste ihrer Leideinsamkeit zu erforschen und dann haftete er auf der Oase der Pflicht. Leise schlich sie in das Nebenzimmer, wo die Kinder schliefen. Esther und Ruth. Mit trotzig geballtem Fäustchen, das schwarze Haar über der Stirn widerspänstig sich aufkräuselnd die eine, rosig, wie von Sonnengold umsponnen, die andere. Lange stand sie beide betrachtend. Plötzlich, mit einem Ruck setzte Esther sich empor und blickte neugierig um sich. Das Erwachen in einer neuen Umgebung verwirrte sie. Das Baby aber blinzelte sie aus kleinen, verschlafenen Augen an und verzog das Mündchen zum Weinen, dann aber besann es sich und reckte ihr freundlich die Händchen entgegen. Und nun lächelte sie nicht blos — sie lachte. * * Jetzt standen sie wieder in dem traulichen Zimmer, das von jenem Morgen ihre Heimat geworden war. Der Schauplatz ihrer kindlichen Spiele, der Boden chrer geistigen Entwickelung und ihrer ersten jungen Mädchenträume. Großmamas Zimmer: Ein Heiligtum! Welche Erinnerungen umfaßte es für sie. Seit sie beide ihren eigenen häuslichen Herd begründet, war es immer wie eine Zufluchtsstätte, wo sie beide alljährlich zu bestimmter Zeit sich einfanden. Und so verschieden geartet beide auch waren, jede fand das vollste Verständnis bei der feinempftndenden, klugen Frau. Mit tränenüberströmtem Antlitz stand Ruth vor dem Tische, über

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