Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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177 hatten für das Ungeheuerliche, das über sie, über die Familie, der sie angehörten, verhängt war. Zärtlich und verschüchtert schmiegte die kleine Ruth sich an die beim Anblick der Kinder lautjammernde Frau, stürmisch und erobernd drängte Esther sich heran und ries mit herrischer Stimme: „Du sollst nicht weinen, Großmama, nicht weinen . . . sonst gehe ich weg von dir! Und Ruth nehme ich auch mit . . . kleine, dumme Kinder weinen, artige Kinder nicht und alte Großmamas auch nicht ..." Und die „alte Großmama," sie war damals zweiundsünszig Jahr, trocknete ihre Tränen, hob Ruth zu sich empor, umschlang Esther und — lächelte. So fand sie der Gatte, der nach seiner ärztlichen Sprechstunde in ihr Zimmer trat. Er beugte sich über ihren Scheitel, den kaum hie und da ein ergrauter Faden durchzog. Eine heimlche Träne fiel in die bräunlichen Haarmassen und flimmerte darin aus, wie ein Edelstein. Dann küßte er die Kinder. „Du hast jetzt wieder eine Ausgabe, Naemi," sprach er leise. „Junges Leben begehrt nach dir, harret dein! Und so, du diesen Verwaisten dich weihend, ich meinem ärztlichen Berus und meiner Pflicht, werden wir unser Dasein weiter führen, weiter führen können! Das Vaterland hat große Opfer gefordert, überall. In allen Kreisen und Stünden. Bei allen unseren Brüdern, ohne Unterschied von Rang, Vermögen, Glauben. Schweres hat es von uns verlangt — Schwerstes! Sollen wir murren? Zurückbleiben hinter andern an Opfermut, an Liebe zum Vaterlande? Seinem Ruhm und Heil, der Aufrichtung seiner Größe haben unsere Söhne gedient . . ." Seine Stimme schwankte, „Naemi, und sie starben alle beide, Machlon und CHljon . . . Dir aber hat Gott diese Kinder geschickt zu neuen Freuden, und ich bin bei dir, Naemi, dein Gatte!" Ruth war, den Blondkopf an die Brust der Großmutter geschmiegt, eingeschlafen, und Esther sah mit großen, trotzigen Augen von einem zum andern, als wolle sie das Schicksal heraussordern. „Warum heißt Großmama Naemi?" fragte sie plötzlich. Der Sanitätsrat und seine Frau blickten sich betroffen an. „Weil sie Freude erleben soll an euch, die ihre Söhne ihr hinterlassen haben ..." 12