Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111082-3113597--2171-3113791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sne hohe, stolze Gestalt Esthers erschien ein wenig gebeugt. Nicht in Demut, nur in Schmerz. Sie kam vom Grabe der Großmutter. Neben ihr Ruth, in stummer Trauer, als wage das tiefe Leid ihrer Seele nicht, sich laut anzukündigen. Die Frau, die sie heute zur letzten Ruhe gebettet hatten, war die treue Hüterin ihrer Kindheit, die Freundin und Beraterin ihrer Jugend, die zärtliche Spenderin ihrer Freuden, Frau Naemi Ehrenfest, die Witwe des Sanitätsrat Dr. Ehrenfest- Achtundvierzig Jahre hatte sie mit ihrem Gatten in glücklicher Ehe gelebt, der aber die trübsten, schwersten Stunden nicht erspart blieben. Zwei Söhne batten sie besessen, beide aber wurden ihnen entrissen, im blühendsten Alter. Beide gehörten sie zu denen, die die Ehre des Vaterlandes mit ihrem Leben bezahlten. Der jüngere fiel bei Sedan, an jenem Tage, dessen glorreichen Sieg tausende mit ihrem Blute besiegelten. Der ältere, Arzt, wie sein Vater, erlag ein Jahr später einer Typhusepidemie, die in dem Lazaret ausgebrochen war, das er als Assistenzarzt leitete. Beide waren verheiratet und ihre Kinder Esther und Ruth kamen in das Haus der Großeltern, diesen Trost zu bringen und den Gram über den unsagbar schweren Verlust, den das Schicksal über sie verhängt hatte, zu mildern. Esther war damals 5, Ruth 2 Vs Jahre alt. Trostlos hefteten sich die Blicke der tiefgebeugten Frau auf das blonde Köpfchen Ruths, trostlos blickte sie in die schwarzen Augen Esthers, die beide kein Verständnis