Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Unsere Großmütter
Date
1905-01-01
Page
Seite 174 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111082-3113596--2168-3113789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

174 darunter auch die Dichtungen des Meisters, der sogar den Beinamen Frauenlob führt. Das Lob der Frau zu singen, war jahrhundertelang die alleinige Aufgabe dieser Sänger. Und doch, in dieser ganzen weitschichtigen Literatur des Minnedienstes, in der uns Heutigen vieles unverständlich, manches lächerlich, alles aber ungenießbar vorkommt, ist nichts enthalten, was auch nur entfernt an die Würde, Wahrheit und Schönheit unseres kurzen Liedes Frauenlob von der Biederfrau heranreichte. Unser altes schönes Lied ist kein Minnelied, noch weniger eine Heiligenlegende, sondern eine einfache, wahre, kurze und dabei hoch poetische Schilderung der Wirksamkeit einer Frau, wie sie sein soll. In knappen, scharfen Linien gezeichnet, tritt uns aus dem Rahmen dieses Liedes ein Frauenideal entgegen, das für alle Zeiten seine Gültigkeit bewahrt, ja, man kann sagen, dieses Frauenideal ist sogar ein modernes im höchsten Sinne zu nennen. Die Frau erscheint neben dem Manne, dem Herrn des Hauses, als Herrin des Hauses, also gleichberechtigt, es wird ihr eine Einflußnahme auf Dinge eingeräumt, die weit über die Sphäre des Hauses hinausgehen. Nachdem alles nacheinander in wundervoll poetischer Form aufgeführt ist, was eine Frau zu tun hat und leistet, was sie ihrem Manne ist, in welcher Weise sie alles versorgt, wie vollkommen alles ihr Unterstehende durch ihre Hand gehegt und gepflegt wird, wie sie Tag und Nacht sich nicht Ruhe gönnt, wie sie die Mägde im Zaum hält, ihnen aber nur zuteilt, was ihnen zukommt, wie die kunstfertige Hand köstliche Gewebe bereitet und mit dem Erlös einen Weinberg kauft, wie sie dem Elenden und Dürftigen ihre Hand reicht. Und dann, erst dann, wenn das alles, diese Hauptaufgaben erledigt sind, dann beginnt ihr kluger Sinn auch an dem Erwerb selber mitzuarbeiten, und sie kauft Aecker und tut den Mund mit Weisheit auf und sieht heiteren Gemütes der Zukunft entgegen. Wie fein ist nach alledem der Schluß, daß ihre Söhne sie preisen, und ihr Gatte sie mit den Worten rühmt: „Gar viele Frauen haben sich wacker erzeigt — du aber übertriffst sie alle." Das ist nicht anders gemeint als: So denkt jeder Mann von seiner Frau, ein jeder meint, die eigene übertrifft alle anderen. Und so war und blieb es auch zu allen Zeiten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.