Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Unsere Großmütter
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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175 In der hell erleuchteten, sabbathlich geschmückten Freitag- Abendstube, wenn Frau und Kinder den Gatten strahlend begrüßten, in diesem schönsten, oft dem einzigen schönen Augenblicke, der ihm im Leben der Woche vergönnt war, drängte sich ihm unser Lied auf die Lippe, pries er sich glücklich im Besitze seiner von der Frau geschaffenen Häuslichkeit, seinem Paradiese. Am Schluffe des Liedes von der Biederfrau heißt es: Lug ist die Anmut und ein vergänglicher Hauch die Schönheit; ein Weib, das Gott fürchtet, das soll man ehren. Dieser Satz, obwohl an den Schluß gestellt, ist doch als Voraussetzung des ganzen gedacht. Eine Lebensführung, wie die hier geschilderte, ist eben nur als Resultat, als Ausfluß einer Frömmigkeit, wie das Judentum sie versteht, möglich. Alle diese Vorzüge sind nur denkbar als Frucht der Gottesfurcht. Dieses alte jüdische Frauenideal ist noch immer bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben. -Es ist nicht tot, nicht ausgestorben, was auch über die jüdischen Frauen der Gegenwart von Juden und Nichtjuden gesagt, gedichtet, gekrittelt werden mag. Es lebt in ihrer Brust, ihr Leben und Wirken im Hause ist noch in den allermeisten Fällen das Leben und Wirken nach» dem oben geschilderten Ideal, unbeirrt von den wechselnden Modebegriffen über Schicklichkeit, Weiblichkeit, Moral. Die Flamme der Gottesfurcht, die unsere Großmütter und Urahnen einst erleuchtet und erwärmt hat, sie hat chre Leuchtkraft noch nicht eingebüßt, sie leuchtet den Enkeln, ihnen selber unbewußt, auf ihren Pfad und hält sie im Banne strengster Pflichterfüllung, schärst ihr Gewissen, führt sie der Wohltätigkeit, der werktätigen Liebe zu und läßt das Streben nach Höherem niemals in ihnen schwinden. So lange noch ein Tropfen Blut von der Urahne in den Adern der späten Enkelin rollt, so lange wird auch ein Hauch ihres Geistes in derselben lebendig bleiben — des Geistes der Urahne, von der man mit Fug und Recht das Dichterwort wiederholen kann: An Märchen grenzt, was sie für andre konnte. An Heiligenschein, was sie sich selbst versagt.