Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Unsere Großmütter
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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173 Müttern — von diesen sind wir ausgegangen, und darin muß man Bogumil Goltz recht geben, daß zwischen den Enkelinnen und ihren Großmüttern ein gewaltiger Unterschied besteht. Die Enkelinnen sind Kinder der Neuzeit und jene waren Kinder des Ghetto, diese sind in modernen Schulen gebildet, jene ganz ohne andere als jüdische Bildung ausgewachsen, diese sprechen außer ihrem reinen Deutsch noch so und so viel fremde Sprachen und haben, zum Teil wenigstens, alles Jüdische vergessen; jene verstanden Geld zu verdienen, diese Geld auszugeben, jene wußten von nichts als von Tachlis, wie ich es oben definierte, diese treiben Musik und alle schönen, der ästhetischen Ausbildung dienenden Künste, allen Sport, der den Körper erfrischt und die Nerven stärkt- und so könnte man die Unterschiede noch lange fortsühren. Aber alle diese tiefgehenden Unterschiede sind noch geringfügig gegen den Hauptunterschied, den Grad ihrer Religiosität. Hierüber zu sprechen, kann nicht meine Ausgabe sein. Daß wir aber auch bei dieser, für die Gegenwart jedenfalls traurig ausfallenden Vergleichung nicht zu verzweifeln brauchen, lehrt uns die Betrachtung der Geschichte, die Betrachtung der Entwickelung des jüdischen Geistes, der nach scheinbarem Vergehen immer wieder von neuem erwacht, reiner, schöner und kräftiger als er vorher gewesen. Wir besitzen in unserer biblischen Poesie ein Gedicht, das vom Volk nach seinen beiden ersten Worten „Esches chajil" genannt wird, aus deutsch „Frau der Kraft", also nicht wie anderwärts: das schwache Geschlecht. Dieses Lied wurde jeden Freitag abend von dem aus der Synagoge in sein trautes Heim zurückkehrenden Manne beim Eintritt in dasselbe gesungen — ein Beweis, daß dieses uralte Lied nicht etwa unter dem Schutt der grauen Vorzeit verborgen ruht, daß es vielmehr als Volkslied in aller Munde sortlebte, und sein Inhalt ganz und gar, wie er der Volksseele entnommen, wieder in die Volksseele übergegangen war. Dieses Gedicht ist eine Perle nicht nur der jüdischen Dichtung, sondern der Dichtung überhaupt^ und es ist von den berufenen Beurteilern aller Zeiten und Länder anerkannt und ausgesprochen worden, daß kaum eine Literatur der Welt etwas Aehnliches aufzuweisen hat. Man lese nur die Minnelieder des Mittelalters,