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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 172

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Unsere Großmütter
Date
1905-01-01
Page
Seite 172 (sequence 14)
Language
German
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—= 172 jüdischen Frauen es sich gefallen lassen, so beurteilt zu werden, als hätten sie alle die Fehler und Lächerlichkeiten von Emporkömmlingen. Die Auswüchse, die sich oben in den höchsten Schichten hie und da gebildet haben, werden für das Typische genommen. Wenn z. B. Bogumil Goltz sagt: „Es ist, als ob die Jüdinnen alle verbotenen und nie gekannten Freuden ihrer Vorgängerinnen nachträglich für sich ausbeuten wollen," oder: „sie ruhen auf dem sicheren Piedestal, das der Geldfack bildet und das Vertrauen auf die Gewerbtätigkeit und Gefchäftsumsicht ihrer Männer und Väter," und in diesem Tone seitenlang fortfährt, so ist ihm zu entgegnen, daß er das, was er schildern will, gar nicht kennt. Er nimmt den obenauf schwimmenden Schaum für den ganzen Inhalt. Würde er tiefer geblickt haben und die jüdischen Familien in ihrem Heim gesehen, beobachtet, genau kennen gelernt haben, er würde anders urteilen über die Jüdinnen. Er würde wahrgenommen haben, daß die jüdische Frau in den allermeisten Fällen nicht nur häuslich ist, daß sie viel mehr als häuslich ist, daß sie oft Wirtschafterin, Köchin, Erzieherin, Hauslehrer und Weltdame in einer Person ist, daß sie es mit der Pflege aller ihrer Sorgfalt anvertrauten Familienglieder sehr ernst nimmt, daß sie die Kinder und ihre Pflege und Erziehung niemals Fremden überläßt. Er würde ferner wahrgenommen haben, daß alles Streben der Frau darauf gerichtet ist, das Haus zufammenzuhalten in allen feinen Gliedern und in seinen Räumen, das Haus zu verbessern, zu verschönern, er hätte überall ein Gedeihen, ein mächtiges und .erfolgreiches Aufwärtsstreben gesehen, das von ihrer gesegneten Hand ausgeht. Was würde er z. B. zu den wackern Frauen sagen, die trotz ihrer Wohlhabenheit und hohen gesellschaftlichen Stellung alle Liebesdienste an den Toten üben, zu den Frauen, die heute noch ebenso wie in vergangenen Tagen keine bezahlte Hand an eine Tote, auch nicht an die ärmste heranlassen, um sie zur ewigen Ruhe herzurichten und zu kleiden? Bogumil Goltz fährt aber in seiner Kritik der Jüdinnen fort: „Die Zeit arbeitet an ihnen sehr merklich, und vielleicht zeigen sich an keinem menschlichen Geschöpf ihre Wirkungen merklicher als an den jüdischen Frauen, — wenn man die heutigen mit ihren Großmüttern vergleicht." Mit ihren Groß-

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