Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Unsere Großmütter
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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171 das Ghettoleben im Momente des Heraustretens aus demselben in einem kleinen Städtchen der Provinz Posen poetisch verklärt und doch innerlich wahr und zart schildern, gibt es keine Schilderung von Wert. Karl Emil Franzos nennt selbst seine Erzählungen „Halb-Asien". Also das nahe, das eigene, des nächste hat auch er nicht geschildert. Zangwill hat mit großer dichterischer Kraft die Kinder des Ghetto geschildert, wie sie im Ostende von London ihr Ghettoleben weiter führen. Weniger realistisch, aber voll von Poesie, hat lange vor ihm Kompert seine Ghettogeschichten gedichtet. In neuester Zeit hat auch Ulrich Frank uns mit farbenreichen Bildern aus dem jüdischen Gemeindeleben von ehemals beschenkt. Wann wird der Dichter erstehen, der uns schildern wird, was später aus diesen Kindern des Ghetto geworden ist, wie es geworden ist und wie es jetzt ist? Bis jetzt hat unseren Großmüttern niemand ein literarisches Denkmal gesetzt, wie sie es wohl verdient hätten. Aber sie haben sich selber ein Denkmal gesetzt in ihren Kindern, die gar nicht lange nach dem Falle der Ghettomauern ihren andersgläubigen Gefährten in allem Großen, Guten, Schönen, Nützlichen und Idealen mindestens ebenbürtig an der Seite standen. Unvergessen sind die großen Wohltäterinnen, welche den Grund legten zu den imposanten jüdischen Wohltätigkeits- und Wohlfahrtsinstituten, deren Aufzählung für Berlin allein ein ganzes Bändchen füllt. Unvergessen ist es, daß. es jüdische Frauen waren, deren geistige Energie und praktische Schöpfergabe sie in die erste Reihe der Kämpferinnen stellte, die in Deutschland für Frauenrecht, für Frauengleichstellung, für Volkswohlfahrt und Volkserziehung ihre ganze Lebenskraft einsetzten und noch einsetzen. Ich nenne Ihnen nur Lina Morgenstern, Jeanette Schwerin und Henriette Goldschmidt. Aber wichtiger noch als die Leistungen der hervorragendsten unter den Frauen ist dasjenige, was dieselben in ihrer Gesamtheit sind und leisten. Durch die falschenZeichnungen in der Literatur einerseits und durch das vordringliche Gebühren einiger weniger andererseits ist im allgemeinen eine ungerechte Beurteilung, eine Verkennung des wahren Sachverhalts zu beklagen. Wegen einer verschwindend kleinen Minderheit, die sich leider am meisten sichtbar macht, muß die Gesamtheit der