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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 170

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Unsere Großmütter
Date
1905-01-01
Page
Seite 170 (sequence 12)
Language
German
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170 als am Talmud geübt, hatten die Väter der Not gehorchend, als Geschäftsleute Vermögen erworben, so kehrten die Söhne, wo es irgend anging, zum gelehrten Berufe der Großväter zurück, nur mit dem Unterschiede, daß sie Aerzte und Juristen statt Talmudisten wurden. Aber auch Schriftsteller, Dichter, Gelehrte, Künstler, Universitäts-Lehrer und Politiker erstanden aus den jüdischen Familien und wunderbar blühten alle Fähigkeiten unter ihnen auf. So zahlreich aber auch die Talente unter den deutschen Juden waren, so reich die herrlichsten Blüten ihrer Begabung dem deutschen Vaterlande und besonders seiner Literatur zugute kamen, wir warten bis heute noch vergebens daraus, daß ein großer jüdischer Schriftsteller gerade dieses blühende Familienleben in einem größeren Bilde schildern möchte, dieses Aufblühen der großen jüdischen Gemeinden, die sich aus lauter solchen Familien zusammensetzen. Hier wäre das Wesen und Wirken der Frau und Mutter zu schildern gewesen, der Seele des Hauses, der Schöpferin dieses Gedeihens, dieser Blüte. Mir ist keine deutsche Erzählung eines jüdischen Autors bekannt, die sich diese Aufgabe gestellt hätte, die hineingriffe ins volle Menschenleben und mit innerer Wahrheit künstlerisch gestaltet dieses Leben der Welt vorführte. Einer der in diesem Winter hier gehaltenen Vorträge behandelte ja gerade dieses Thema: „Jüdische Gestalten in der deutschen Literatur". Da wurden sie uns in langer Reihe vorgeführt, die Zerrbilder, wie sie von Juden und Nichtjuden auf die Bühne und in die Romane gebracht wurden, bald zu gut, bald zu schlecht, immer aber unwahr. Noch vor wenigen Wochen, also ganz kurz vor seinem unerwarteten, allzu frühen Hinscheiden, unterwarf Karl Emil Franzos das neueste Theaterstück von Sudermann „Der Sturmgeselle Sokrates" einer vernichtenden Kritik und wies nach, wie schief, unwahr und verzerrt die abstoßenden Gestalten gezeichnet sind, die darin als Juden auftreten. Und doch, dieses Familienleben mit seinen Freuden, Sorgen, Konflikten und Leiden, mit seinen so fein abschattierten, psychologisch so interessanten, durch fortwährende Reibungen aller Art geschaffenen Situationen wäre es wohl wert, einen Schilderer zu finden. Mit Ausnahme der zwei Novellen von Bernstein: „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor", die

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