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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 169

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Unsere Großmütter
Date
1905-01-01
Page
Seite 169 (sequence 11)
Language
German
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169 Wohnsitze zu finden, wo es galt, die Spuren von Jahrhunderten des Druckes schnell zu tilgen und däzustehen, als wären sie immer freie Bürger des Staates gewesen. Ich meine das Wort, den Begriff: Tachlis. Erst im Alter von 80 Jahren, nach dem fast gleichzeitigen Tode ihres Gatten und ihrer einzigen Tochter, meiner Mutter, gönnte sich die Großmutter Ruhe und zog sich ganz vom Geschäfte zurück. Sie erlebte noch Urenkel und starb in dem glücklichen Bewußtsein, ihren Enkeln durch ihre Arbeit das Haus mit erbaut zu haben und dieselben so vermählt zu sehen, wie es ihrem frommen Sinne und ihrem am jüdischen Wissen hängenden Herzen genehm war. Damit sind wir bei der nächsten Generation angelangt. Jetzt war die Sachlage bereits eine andere. Da die Männer nunmehr für den Erwerb sorgten und die ökonomische Lage durch den unverdrossenen Fleiß und die geschäftliche Tüchtigkeit derselben sich rasch aufbesserte, konnten die Frauen ihr großes Erbe an Tatkraft und Pflichtgefühl ganz auf das Haus verwenden. Die Sorge für das Wohl der Familie, für die körperliche und moralische Erziehung der Kinder war nunmehr ihre Hauptaufgabe. Wie sie dieser Aufgabe gerecht wurden, das zeigt eben das an Wunder grenzende Aufblühen der jüdischen Gemeinden. Die Kräfte wuchsen mit dem Wohlstände, und war der Kaufmann zu Vermögen gekommen, so konnte man sicher sein, daß jeder Sohn von Begabung und leider auch manchmal ohne dieselbe, den gelehrten Berufen sich zuwenden würde. Weniger begüterte Familien setzten nur allzuoft ihr letztes daran und legten sich die größten Entbehrungen auf, um den Kindern das Studium zu ermöglichen. In dieser Periode kam es oft vor, daß die Frau in weltlicher Bildung ihrem im Geschäftsleben kämpfenden Gatten um einen Schritt voran war. Deshalb spielte sie sich aber nicht etwa auf die sogenannte unverstandene Frau heraus, sondern bemühte sich doppelt und dreifach, das Haus auf ein höheres Niveau zu bringen und war glücklich, wenn sie den Söhnen und Töchtern eine höhere Bildung zu verschaffen vermochte. Tief lag die Wertschätzung des Wissens den Juden im Blute, und hatten die Großväter dieses höchste Gut, das Wissen, am Talmud und an nichts

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