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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 168

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Unsere Großmütter
Date
1905-01-01
Page
Seite 168 (sequence 10)
Language
German
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168 Bildung, die das ganze Innere durchleuchtet, hat ihr die Bibel allein vermittelt. Allsabbathlich den Wochenabschnitt in ihrem Jüdisch-deutsch lesend, lernte sie zunächst die fünf Bücher Moses gründlich durch alljährliche Wiederholung kennen. Aber auch die anderen Bücher der Bibel waren ihr geläufig. Aus den Sprüchen Salomonis, ja sogar aus Hiob zitierte sie bei passender Gelegenheit in der Ursprache, wie überhaupt ihr Sprüchwörterschatz allein schon ein Bändchen füllen würde. Selten nur in ihrem langen, arbeitsreichen Leben hat die Großmutter einen Ausgang, niemals aber einen Spaziergang gemacht. An den Wochentagen hinunter ins Geschäft, an den Sabbathen in die nahe „alte Schul", so floß ihr Leben dahin. Ein zweckloser Schritt wurde nicht gemacht. Sah man sie aber doch in einem seltenen Falle einmal auf der Straße, so wußte man, sie hatte einen großen Zweck. Eine arme Braut mußte ausgestattet und dazu mußte Geld geschafft werden, oder eine früher reiche und vornehme Familie war am Rande des Ruins angelangt. Dem mußte vorgebeugt, die Familie durfte nicht fallen gelassen werden. Warum sie außer Bibel und Zennerenne kein Buch las, das hatte einen besonderen Grund. In ihrer Jugend hatte sie einmal den Robinson gelesen. Nach all den großen Erlebnissen des Helden, dessen Schicksale sie mit heißer Spannung und innigem Mitgefühl verfolgt hatte, erschien ihr der Schluß so unbefriedigend, daß sie in ihrer energischen Natur den Vorsatz faßte, nie wieder die Zeit mit so unnötigen, im Sande verlaufenden Geschichten zu verbringen. Dieser kleine Zug ist charakteristisch, nicht nur für die einzelne Frau, sondern für den ganzen, aufs vernünftige gerichteten Sinn der damaligen Juden. Sie hatten noch nicht Zeit gesunden für den Luxus zweckloser Beschäftigungen. Das Nützliche, das Gute, das Zielbewußte lag ihnen im Blute. Sie hatten ein Wort dafür geprägt, für das es gar keine deutsche Übersetzung gibt, ein Wort, das die Richtschnur bildete, bilden mußte, wonach das Leben geführt wurde; ein Wort, das der Zwang auf den Thron erhoben hatte, der Zwang, unter dem alle Kräfte der Juden immer gestanden hatten und noch damals am meisten standen, wo es galt, den Weg vom Schatten des Ghetto in die Sonne der freien

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