Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Unsere Großmütter
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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167 dacht, mit welcher verständnisvollen Aufmerksamkeit folgte sie jedem Worte, mit welchem naiven Entzücken lauschte sie dem Kantor, während die Vorlesung aus der Thora das immerwährende Ehrenamt ihres Mannes war, der in dieser Art Vortrag eine unbestritteneUeberlegenheit besaß. Später, als er im hohen Alterdie ohnehin lange Sidra durch seinen gedehnten Vortrag noch mehr als nötig in die Länge zog, wagte man dennoch nicht, ihm dieses verjährte Vorrecht zu entziehen. So groß war der Respekt vor seiner Person. Die Großmutter ließ sich während der Dauer des Gottesdienstes durch nichts in ihrer Andacht stören. Nur in einem Falle machte sie eine Ausnahme: wenn nämlich eine junge Frau nach der Hochzeit zum ersten Male „schulgeführt" wurde. Einer solchen räumte sie immer dienstwillig ihren Platz ein, um sie etwas von dem Gottesdienste sehen zu lassen. Für meine Großmntter war dieser Gottesdienst mit seinem Kantor der Inbegriff aller Kunstgenüsse. Er war ihr höchstes Entzücken, ihr einziges Vergnügen, das sie wahrhaft beglückte, und das gar kein anderes Zerstreuungsbedürsnis mehr in ihr auskommen ließ, wie sie denn auch, wenn sie strahlend vom gehabten Genuß aus dem Gottesdienste heimkam, immer zu sagen pflegte: Seht, Kinder, das ist meine Komödie, was ungefähr so viel bedeuten sollte, als: Geht ihr nur in eure Konzerte, in eure Theater — so was bekommt ihr doch nicht zu hören. Hatte sie gar eine Predigt von Salomon Pleßner, einem der ftühesten deutschen Prediger, der manchmal auch in der alten Schule eine Predigt hielt, gehört, dann kannte ihre Begeisterung keine Grenzen mehr. Die übrigen Sabbathstunden waren ebenso wie der Freitagabend der Lektüre geweiht und zwar der Lektüre, die ich oben geschildert habe. Sie las nichts als die Bibel und die Zennerenne und war doch eine nicht nur überaus kluge und geistreiche, sondern, obgleich sie nur Jargon sprach, gebildete Frau. An ihr konnte man so recht sehen, daß es nicht die Summe der angesammelten Kenntnisse ist, was die Bildung ausmacht, sondern die Wirkung, die diese auf den Geist, auf die Veredelung des ganzen Menschen üben. Woher kam ihre Erkenntnis, aus welcher unsichtbaren Quelle strömte ihrem klaren, scharfen Geiste Nahrung zu? Diese eigentliche