Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Unsere Großmütter
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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166 bis zum späten Abend. Ja, auch ihre Mahlzeiten wurden im ungeheizten Geschäftslokal (es war ein Engros-Geschäft) eingenommen, wenn sie nicht gar lieber dem Kunden aus der Provinz angeboten wurden, während sie selber sich am Zusehen sättigte und erwärmte. Das Auspacken der frisch angekommenen Waren wurde immer in der Nacht besorgt, sonst wurde in der Nacht nach dem Zehnuhrladenschluß oben nur die Wirtschaft für den andern Tag besorgt, und der frühe Morgen sah sie schon wieder unten auf ihrem Posten. Der Kampf der Konkurrenz, der heute in anderen Formen fortwütet, äußerte sich damals noch in handgreiflicher Gestalt. Jede versäumte Minute rächte sich, jede versäumte Minute bedeutete einen Vorteil des eifrigeren Konkurrenten. Jeden Abend, bevor der Laden geschlossen wurde, wurde der Barerlös des Tages gezählt und jedesmal das Maaser (der den Armen reservierte zehnte Teil des Verdienstes) sorgsam berechnet und gewissenhaft in die für diesen Zweck bereit stehende Kassette getan. Mit der eifrigen Geschäftsfrau, die für nichts anderes Sinn zu haben schien als für ihre Arbeit, ging am Freitag nachmittag, wenn der Laden geschlossen war, eine Wandlung vor. Bevor die Sabbathlichter angezündet wurden, war die hochgewachsene Gestalt in eine Fürstin umgewandelt. Wir Enkel mußten ihr helfen, schnell damit fertig zu werden; denn die Zeit war kurz bis zum Beginn des Sabbaths. Wenn sie am Sabbathmorgen mit kostbarer Pelzstola geschmückt, an der Seite ihres männlich schönen, sie noch überragenden Gatten der Synagoge zuschritt, verbeugte sich alles vor dem stattlichen Paare. Nichts an der heutigen Erscheinung der Frau ließ die Strapazen der vorangegangenen Woche ahnen. Was der Großmutter der Synagogenbesuch war, das ist einem heutigen Publikum schwer klar zu machen. Man muß es gesehen haben, dieses häßliche, düstere, vom Alter geschwärzte Gemäuer, das sich die alte Schul in Posen nannte, mit der langgestreckten, sackähnlichen Frauenschul, von der aus man durch kleine, in die dicke Mauer durchgebrochene Löcher, die in langen Abständen angebracht waren, einen Blick in die Männerschul werfen konnte. Als eine der Vornehmsten hatte die Großmutter ihren Platz vorn an dem ersten dieser Fensterlöcher. Mit welcher Inbrunst verrichtete sie ihre An-