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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 165

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Unsere Großmütter
Date
1905-01-01
Page
Seite 165 (sequence 7)
Language
German
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165 neu auflebenden Tochter zur süßesten Freude. Aber an keinem Wochentage hat sie diesen Besuch sich gegönnt; diese gehörten allesamt dem heiligen Dienste, den sie den Pfleglingen all der Vereine leisten mochte." Von anderen damaligen Frauen sagt Lazarus: „Die reinen, frommen in ihrer Art gebildeten, mit der Kenntnis nicht bloß der Schriftzeichen, sondern auch der Sprache des Hebräischen gezierten jüdischen Matronen voriger Geschlechter gehören zu den edelsten Erscheinungen, welche menschliche Kultur gezeitigt hat; ihr gesittigtes, gemütsinniges, von Wohltätigkeit durchleuchtetes und von religiöser Tiefe durchgeistigtes Wesen hat seinesgleichen an Würde selten gefunden." So weit Lazarus. Gestatten Sie, daß ich nun den Typus zu schildern versuche, der in Gestalt meiner eigenen Großmutter eine Menge Züge in sich vereinigt, welche die damaligen jüdischen Frauen kennzeichnen, so daß wohl jeder den einen oder anderen Zug der eigenen Urahne darin wird zu erkennen glauben. Wie damals in sehr vielen anderen Fällen war es auch hier die Aufgabe der Frau und nicht des Mannes, für den Erwerb, für das Geschäft, mit einem Worte für die Existenz zu sorgen. Der Großvater, dessen Wissen und Gelehrsamkeit (auch in nicht jüdischen Fächern, was damals noch eine Seltenheit war) ihn zum Aristokraten stempelten und seine Familie dadurch in eine höhere gesellschaftliche Sphäre rückten, war, seit er denken konnte, mit seinem Studium beschäftigt. So kam es denn, daß die Frauensrage, die uns Heutigen so viel Kopfzerbrechen verursacht, hier ganz von selbst sich löste. Die Erwerbstätigkeit der Frau wurde nicht als Recht gefordert, sondern als Pflicht, oft als sehr schwere, ausgeführt. Wenn das heutige Motto in der Frauenfrage lautet: Die Frau ist zu allem berechtigt, wozu sie befähigt ist, so kümmerte sie sich damals um gar kein Motto, Hielt sich zu allem verpflichtet, und das geschärfte Pflichtgefühl machte sie zu allem befähigt. Im Ertragen von Strapazen, von Kälte und Hitze, von Hunger und Durst konnte diese Frau mit dem abgehärtetsten Kriegshelden es aufnehmen. Ob alles vor Frost erstarrte, ob glühender Sonnenbrand alles versengte, — immer war die Großmutter unten auf ihrem Posten, vom frühen Morgen

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