Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Unsere Großmütter
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 6)
- Language
- German
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164 man hielt sich damals streng, sogar mit rigoroser Strenge an alle äußeren Vorschriften und Gebräuche; aber man tat sich darauf nichts zu gute, man dachte gar nicht, daß es anders sein könnte, noch weniger, daß man damit etwas besonders Frommes tat. Ein derartiger Mißbrauch mit dem Worte fromm wird erst heutzutage getrieben. In diesem zarten Punkte ist unter uns eine förmliche Verwilderung eingetreten. Was nennt man heut' nicht alles fromm, woran denkt man bei dem schönen Worte fromm! Ich glaube es Ihnen sagen zu können, woran man dabei denkt: Man denkt dabei an Teller und Töpfe, an Speisen und Mahlzeiten und all dergleichen. Was soll man dazu sagen, wenn mit dem edlen Beiwort „fromm" Wirtschaften und Menus beehrt werden! Wenn wir Heutigen, wie einst unsere Großmütter, die „Sprüche der Väter" wiederum allgemein zu unserem Studium machen würden, wir würden das Wort fromm nicht in dieser Weise degradieren, wir könnten z. B. das Wort „fromme Schüsseln" nicht über unsere Lippen bringen. Wie die Frömmigkeit unserer Großmütter und Urgroßmütter beschaffen war, und wie sie sich äußerte, das können wir unter anderem auch aus einem Beispiele sehen, das uns Lazarus in feinem Buche „Treu und frei" vor Augen führt. Er spricht von der Großmutter seiner Frau und sagt: „Die Frauenvereine bearbeiteten damals ein reiches Feld; weibliche Krankenpflege und Leichenbestattung, Pflege der Wöchnerinnen, Ausstattung^ besonders Ausrichtung der Hochzeit armer Bräute forderten eigentlich kaum erschwinglichen Tribut. Der persönliche Dienst kannte bei manchen der Vorsteherinnen kaum eine Grenze oder Ermüdung. Bobe (Großmutter, wie sie allen hieß) Zortelchen hatte in unserem Hause gewohnt; ich habe sie nicht mehr gekannt, aber der Ruf ihrer Heiligkeit und Werktätigkeit hat sie lange überlebt und das Zimmer, worin sie gewohnt, betraten auch wiu noch mit ererbter Ehrfurcht. In vielen Anekdoten wurde ihr Andenken charakteristisch gefeiert, nur einer will ich gedenken. Von ihrtzr früh verstorbenen einzigen Tochter lebte ihr einziger Enkelsohn in der Gemeinde, draußen vorder Stadt, auf einem Vorwerk. Als diesem ein Töchterchen geboren war, das — nach der Sitte — den Namen seiner Mutter erhielt, gereichte ihr der Besuch dieses Kindes, als der