Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Unsere Großmütter
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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- Rashi 1× ep/1002670
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162 bestimmte Zeit gebunden sind. Die Begründung dieser Praxis ist höchst charakteristisch. Die Zeit, welche die Frau zu den notwendigsten Arbeiten braucht, soll nicht durch diese Forderungen zu sehr in Anspruch genommen werden. Vielleicht würde sie dadurch in einer wichtigen häuslichen Verrichtung sich unterbrechen müssen, vielleicht gar würde sie in ihren frommen Werken sich dadurch stören lassen! Nun, deutlicher kann nicht die Hochstellung ihrer Arbeit und die Wertung derselben Ausdruck finden. Wir werden unsere Großmütter oder Urgroßmütter am besten verstehen lernen, wenn wir uns ihre Lektüre näher betrachten. Die Woche zwar gehörte ganz der Arbeit; aber am Sonnabend wurde für die ganze Woche gelesen. Aber was? Sie lasen nur aus drei Büchern: aus dem Gebetbuche, aus der Bibel, aus dem Erbauungsbuche Ze’eno'ure’eno. Die Ze’eno'ure’eno, im Volksmund Zennerenne genannt, das gelesenste Buch der damaligen Frauen, wird von Grünbaum, dem intimsten Kenner der jüdisch-deutschen Literatur, folgendermaßen geschildert: „Eigentümlich wie die Geschichte des jüdischen Volkes, und wie auch das jüdisch-deutsche Idiom etwas ganz Eigentümliches ist, ist auch diese Literatur eine eigentümliche Erscheinung, zu der sich schwerlich irgendwo eine Analogje finden läßt. Das jüdisch-deutsche Idiom wird zuweilen „Weiberdeutsch" genannt, wie auch die jüdisch-deutsche Schrift unter dieser Benennung vorkommt. Auch die Schriften, die in diesem Weiberdeutsch geschrieben sind, bilden eine Frauenliteratur, insofern als sie alle für Frauen bestimmt sind, da man bei jedem Manne voraussetzt, daß er wenigstens Raschi oder sonst ein leichteres Buch in der Ursprache lesen könne. Diese Schriften haben jedenfalls einen entschiedeneren Charakter und einen bestimmteren Zweck, als z. B. die modernen Bücher deutscher Literatur mit den Titeln: Aesthetik für Frauen, Geschichte für höhere Töchterschulen, Mythologie für das weibliche Geschlecht, Botanik für Mädchen. Bei diesen und ähnlichen Büchern sieht man nicht ein, was die Trennung der Geschlechter bedeuten soll. Die jüdischdeutschen Bücher haben das miteinander gemein, daß sie sich innerhalb eines streng abgegrenzten Gebietes bewegen: allen gemeinschaftlich ist aber auch die Demut, Bescheidenheit, die