Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 161

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Unsere Großmütter
Date
1905-01-01
Page
Seite 161 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111082-3113596--2155-3113776
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

161 zeigt, daß die Schätze des Wissens ihnen höher standen als Geld und Gut. Mit Bewunderung sahen es die Freunde, mit Haß und Neid sahen es die Feinde; dieses wunderbare Schauspiel, wie die so lange von Licht und Huft abgesperrten Triebe im Lichte der Sonne sich entfalteten und die herrlichsten Blüten zeitigten. Wer war es nun aber, dem in erster Reihe dieses Wunder zu danken ist? Wer hat das jüdische Haus in dem jähen Uebergange behütet und mit starker und liebender Hand aus Enge und Druck zu Wohlsein und Behaglichkeit geführt? Es sind unsere Großmütter gewesen, oder, wie ich gleich ergänzend und berichtigend hinzufügen will, von den jüngeren unter uns waren es die Urgroßmütter und von den jüngsten die Ururgroßmütter. Was hatten die Frauen in diesem schwierigen Uebergangsstadium zu leisten, was war ihre Aufgabe? Die Aufgaben waren verschiedene je nach dem Stande, der Vermögenslage und der Lebensführung der Familie. Zunächst lassen Sie mich nur diejenigen Züge und Eigenschaften anführen, welche allen gemeinsam waren. Die Ansprüche, welche diese Frauen an sich selber stellten, waren unbegrenzt; die Ansprüche, die sie an das Leben stellten, waren minimal, ja, man kann wohl sagen, sie waren gar nicht vorhanden. Es ist erstaunlich, mit wie wenigem oft ganze Familien Haushalten und mit einem gewissen Anstand Haushalten konnten. Ob Wohlhabenheit im Hause herrschte, ob Enge und Dürftigkeit — immer wohnte Frohsinn und Heiterkeit darin. Die jüdische Frömmigkeit bringt diese Heiterkeit mit sich. Die altjüdische Weltansicht ist eine durch und durch optimistische und schließt jeden Hader mit dem Schicksal aus. Kopfhängerei vertrügt sich nicht mit der Art der Frömmigkeit, wie sie unsere Großmütter besaßen. Es war eine naive, man möchte sagen, unbewußte Frömmigkeit, keine Betschwesterfrömmigkeit. Wohltätigkeit üben, Not lindern, Ergebung in den Willen der Vorsehung, das war ihr Frömmigkeitsideal. Betschwestern gediehen niemals im Judentum. Während in mancher anderen Religion das ganze Ceremoniell auf die Frauen zugeschnitten erscheint, sind bei uns eine Menge Gebote nur für die Männer verbindlich. Erlassen sind den Frauen besonders alle diejenigen Forderungen, die an eine li

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.