Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Immanuel Kant in seinen Beziehungen zum Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 26)
- Language
- German
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— 149 — genießen mögen, an dessen zurückgelegten Teil Sie mit Zufriedenheit sich zu erinnern so viel Ursache haben. Herr Jo6l, der in der Meinung, daß Sie mich mit einigem Zutrauen beehrten, verlangt, seinen Zutritt zu Ihnen mit meinen Empfehlungen zu begleiten, ist Ihrer Gewogenheit und Vorsorge nicht unwürdig. Wenn er gleich nicht mit so vorzüglichen Talenten als Herr Herz beglückt ist, so läßt doch sein gesunder Verstand, sein Fleiß, Ordnung des Lebens, vornehmlich die Gutartigkeit seines Herzens erwarten, daß er in kurzem als ein geschickter und geachteter Arzt auftreten werde. Ich weiß, daß diese Eigenschaften allein Sie, mein geehrtester Freund, schon hinreichend bewegen können, einige Bemühungen auf diese Forthelfung eines hoffnungsvollen jungen Mannes zu verwenoen". Wenn junge Leute andererseits mit Empfehlungen von Mendelssohn versehen bei Kant vorfprachen, so waren sie stets einer außerordentlich freundlichen Ausnahme sicher, wie dies aus den eignen Briefen des Verfassers der „Kritik der reinen Vernunft" hervorgeht. Ueber manche Werke Mendelssohns äußerst sich der sonst so kühl abwägende und nüchterne Immanuel Kant in anerkennendster, ja zuweilen begeisterter Weife und zwar nicht allein dem Verfasser gegenüber, sondern auch in Briefen an dessen Freunde. Mendelssohns „Jerusalem" z. B. fand in ihm einen besonders warmen Verehrer. Das Urteil des Königsberger Philosophen über die Schrift des „modernen Sokrates" wird unfern Lesern um so willkommener sein, als hier Kant zugleich Stellung zu den Bewegungen im modernen deutschen. Judentum nimmt. In dem soeben angeführten Briefe Kants heißt es nämlich über dieses Buch: „Herr Friedländer wird Ihnen sagen, mit welcher Bewunderung der Scharfstnnigkeit, Feinheit und Klugheit ich Ihren Jerusalem gelesen habe. Ich halte dieses Buch für die Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, wie man ihr garnicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen lanu. Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit in jeder Religion so gründlich und so hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unsererseits daran wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigen und