Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 121

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Meine Religion und meine Lebensanschauung
Date
1905-01-01
Page
Seite 121 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3111067-3111082-3113594--2113-3113736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

121 schon davon, daß wir nicht nur im Gebete, sondern auch im Herzen Gott unseren Vater nennen. Lassen Sie mich ein Beispiel dafür anführen, wie auch die großen Heimsuchungen für uns zum Guten waren. Das jüdische Familienleben ist oft gelobt worden, selbst von denjenigen, die sonst nur weniges oder gar nichts Gutes beim Judentum kannten. Wohl verdankten wir dieses altjüdische Familienleben in erster Reihe der Heilighaltung der Ehe in der heiligen Schrift, dem Gebote von der Ehrfurcht vor Vater und Mutter, den Ermahnungen der Ueberlieferung, die Familienglieder mit Liebe zu umfassen. Aber es ist auch sicherlich teilweise der Lieblosigkeit unserer Mitmenschen zuzuschreiben. Als die Juden ins Ghetto eingesperrt und die Familien zusammengepreßt wurden,, da mußte es tief in ihr Bewußtsein eindringen, daß sie Alle zusammengehören, wie sie Alle kein Teil hatten an den Freuden der Welt außerhalb der vier Wände ihres Heims. — Und im Bewußtsein dessen, daß Gott uns seine Gebote gegeben hat, als das herrlichste höchste Geschenk, hat der Jude auch nicht geklagt über die großen Opfer, welche ihm die Bekenntnis des einzigen Gottes und die Erfüllung seiner Gebote so oft auferlegt hat. Selbst in unseren Tagen ist es ja nicht nur in Ländern wie Rußland und Rumänien, daß der Jude, weil er Jude ist, ununterbrochen Hohn und Zurücksetzung erdulden muß; auch in Kulturländern wie Deutschland wird noch heutzutage eine Prämie auf den Abfall des Israeliten vom Glauben seiner Väter gesetzt. Und auch in einem wahren Freiheitsstaate, wie in unserem Vaterlande, muß der Israelit ja oftmals Opfer bringen, um die göttlichen Gebote, wie z. B. die Aufrechterhaltung des Sabbaths, erfüllen zu können. Doch können wir Israeliten mit gerechtem Stolz auf unsere Vorfahren blicken, die imstande waren, die größten Opfer zu bringen, wenn es galt, ihre Zugehörigkeit zu dem einigeinzigen Gott zu bekennen; wir brauchen nur an die vielen Tausende zu denken, die den Märtyrertod erlitten, weil sie nicht ihren Gott verleugnen wollten und an die vielen, weit zahlreicheren Tausende, die gelebt und auch heute in unseren Tagen leben als Märtyrer ihrer Ueberzeugung, denen eine einzige Lüge freien Zutritt zu Würden und Ehren erteilt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.