Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Meine Religion und meine Lebensanschauung
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 14)
- Language
- German
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120 Glaube nicht der richtige ist. Für uns kommt es darauf an, für Gottes Ehre zu leben und erst dadurch in Güte und Reinheit zu unserer eigenen Ehre. Gott hat uns nicht das Gesetz gegeben, damit es ein drückendes Joch sei, sondern er hat uns seine Lehre als Licht aus.unseren Weg gegeben, und durch die Erfüllung und Befolgung dieser Lehre hoffen wir das wahre Glück in Zeit und Ewigkeit zu finden. Der Abfall von Gott führt jedoch auch Heimsuchung und Strafe nach sich, und manche Sünde ist ja auch derartig, daß die Strafe folgen muß, selbst wenn wir uns mit Gott ausgesöhnt haben. Die notwendigen Heimsuchungen werden daher auch in Liebe entgegengenommen, sie dienen nicht dazu, uns gegen Gott aufsässig zu machen, sondern sie helfen uns als Wegweiser uns zu Gott zurückzuführen. Und ebenso die Heimsuchungen, die vor der Versöhnung kommen und uns daran erinnern sollen, daß wir geirrt haben. Als Israel in seinem eigenen Lande dem Götzendienste verfallen war, da mußte es unter großen Prüfungen zu Gott zurückzufinden lernen. Die schweren Strafen erschütterten nicht den Glauben Israels an die Wahrheiten, die die Propheten es gelehrt, sondern beugten seinen Willen unter Gottes Willen, nachdem sie in den Tagen des Glückes nicht in seinen Wegen wandeln wollten. Wir sollen überdies gar nicht des Lohnes wegen oder aus Furcht vor der Strafe das Gute zu tun suchen und das Böse meiden. Es gibt wohl einen Lohn und eine Strafe, teils hier, teils jenseits, teils in unserem eigenen Gewissen, oder zum Teile in dem was von außen an uns herantritt, aber wir sollen nicht sein wie „Diener, die ihrem Herrn um des Lohnes willen dienen". Wir sollen jedoch das Gute tun und das Böse scheuen aus reiner Liebe zu Gott. Die Lebensanschauung Israels ist in hohem Grade optimistisch. „Alles was der Allbarmherzige tut, ist zum Guten." Es gibt ja keinen Teufel, kein an und für sich böses Wesen, so daß auch das Unglück und die Heimsuchungen, deren Ursache wir nicht erfassen, auch nicht das an und für sich Böse sein können, sondern in sich auch einen nützlichen Zweck haben müssen, selbst wenn wir ihn im Augenblick nicht fassen können. Und die Freude und Befriedigung, die überall heimisch i]tr wo eine wahrhaft jüdische Lebensweise geführt wird, zeugt