Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Meine Religion und meine Lebensanschauung
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 16)
- Language
- German
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122 hätte, Eltern und Kindern das Leben erhalten haben würde. Eigentümlich ist es wohl, daß die Juden des Materialismus beschuldigt worden sind, wo doch niemand wie Israel es gezeigt hat, daß man nicht nur sterben sondern selbst in Unterdrückung und Verachtung für die Idee auch leben, für das reine Ideal alles in Würde ertragen kann. Und es ist nicht Hochmut und Trotz, wenn Israel, umgeben von anderen Völkern und Religionen, seiner Religion treu geblieben ist, sondern weil keine andere Religion in unseren Augen so erhaben ist, wie das Judentum. Alle bekennen, daß Gott sich einst uns zu erkennen gab, niemand konnte sich davon überzeugen, daß er das, was er damals zu uns sprach, später zurückgenommen habe; niemand konnte uns sagen, daß es wirklich besser sei, durch einen Vermittler, Heilige und dergleichen sich Gott zu nähern, statt zu ihm zu beten, wie Israel es tut; niemand konnte es uns als etwas Neues lehren, daß es gut sei, seinen Nächsten zu lieben, denn Gott hat uns dies zu einer Zeit gesagt, als die, die später Israels Lehrmeister werden wollten, vielleicht als Volk noch gar nicht existiert hatten. Und Israel, das die Menschheit gelehrt hat, an den einzigen Gott zu glauben, konnte nicht befriedigt werden von der Lehre, daß der einzige Gott in Wirklichkeit eine Dreieinigkeit sei, oder, daß der gerechte Gott in dem Maße seine Langmut und Barmherzigkeit sollte vergessen können, wie unsere Umgebung es uns gar oft verkünden wollte. Wie viele Blätter auch vom Baume Israels gefallen sind, wie viel junge Sprossen auch verloren gegangen, alle Bekehrungsversuche im Guten oder im Bösen haben im Großen und Ganzen doch Schiffbruch leiden müssen. Während andere Religionen die Hoffnung hegen, daß einmal alle Völker der Erde sich zu dem Glauben bekehren würden, den jene als den alleinseligmachenden betrachten, hofft das Judentum nicht darauf, daß alle Menschen einst dazu kommen sollten, dem Judentum anzugehören. Ebenso wie wir glauben, daß alle Menschen Gottes Kinder sind, glauben wir auch, daß, wie die Propheten uns geweissagt haben, eine Zeit kommen wird, da alle sich bekennen werden zu dem einig-einzigen Gotte und als seine Kinder in gegen-