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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 119

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Meine Religion und meine Lebensanschauung
Date
1905-01-01
Page
Seite 119 (sequence 13)
Language
German
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119 alle Menschen in seinem Ebenbilde erschaffen, daß sie alle demselben Gotte angehören. Selbst aus der Rede eines Moses an Israels gewaltsamen Unterdrücker, den Herrscher Aegyptens, in welcher er den Ewigen Israel seinen erstgeborenen Sohn nennen läßt, geht.genügend hervor, daß auch Nicht- Israeliten Kinder Gottes sind, wenn auch die Offenbarung nicht in erster Linie ihnen vergönnt war. In diesem Zusammenhang kann ich erwähnen, wie auch das Böse, das Israel erdulden mußte, zum Guten für es wurde. Als Israel jahrhundertelang in der Knechtschaft in Aegypten leiden mußte, da lernte es auch für immer die Freiheit zu lieben, so daß es auch den Legionen Roms nicht glückte, seinen Nacken zu beugen. Aber die Schrift lehrt uns auch, indem sie uns an das Elend in Aegypten erinnert, daß Israel, wo es Macht besitzt, niemals seinen Einfluß gegen die Schwachen mißbrauchen soll. Israel darf nicht den Fremden unterdrücken, „denn du kennst die Seele des Fremden, du bist ja selbst fremd gewesen in Aegypten".. Die Erinnerung an das, was Israel gelitten, wird nun ein neuer Ausgangspunkt für Güte und Menschenliebe. Und selbst den Aegyptern gegenüber heißt es, daß der Israelit trotz all der in Aegypten ausgestandenen Leiden nicht verabscheuen möge die Bewohner jenes Landes, „denn du bist ja ein Fremder gewesen in seinem Lande". Die Lehre Gottes, seine Wegweisung und seine Gebote sind uns also gegeben worden, seine Liebe offenbart sich uns, so daß wir ihn lieben müssen „aus ganzer Seele, aus ganzem Herzen, mit ganzem Vermögen". Und doch halten wir nicht immer die Hand fest, die Gott uns reicht. Der Mensch hat einen freien Willen, wie die Schrift es uns ausdrücklich lehrt, so daß er statt des Guten das Böse wählen kann, oder das, was im gegebenen Falle zum Bösen werden kann. Der Mensch hat also die Möglichkeit zu sündigen, aber, wie schon erwähnt, glauben wir nicht, daß er durch die Sünde für immer verloren ist. Unsere höchsten Festtage bringen es uns ja gerade in Erinnerung, daß wir Buße tun können und sollen und dann Versöhnung mit Gott finden können. Wir glauben nicht, daß der Mensch durch seinen Glauben Erlösung findet oder umgekehrt für ewig verdammt wird, weil sein

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