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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 118

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Meine Religion und meine Lebensanschauung
Date
1905-01-01
Page
Seite 118 (sequence 12)
Language
German
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118 ihm stets Dank schulden. „Derjenige, der die Gaben Gottes genießt, ohne ihm dafür zu danken, er ist wie ein Räuber, der sich fremdes Gut aneignet." Aber indem uns unsere Religion beständig daran erinnert, was Gott uns gibt, läßt sie uns die wahre Freude an dem Irdischen empfinden und gleichzeitig auch die Freude, daß wir dem Mitmenschen auch von dem mitteilen können, was Gott uns während unserer kurzen Wanderungszeit auf Erden anvertraut hat. Die Schrift gibt uns aber auch ihre Weisungen, wie wir uns von vielem enthalten sollen, was uns sonst als begehrenswert erscheinen könnte. Gerade weil alles Gott gehört, kann er uns solche Einschränkungen auferlegen; wir sollen lernen uns zu beherrschen, so daß nicht unser.Herz und Auge uns führt, anstatt daß unsere Seele über unsere menschlichen Gelüste herrsche. Und was ist nun der Hauptinhalt von Israels Lehre? Unsere alten Weisen antworten: Das Hauptgebot ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"; ein Lehrer hebt jedoch hervor, daß es gar nicht nötig wäre, ein solches Gesetz zu geben, wenn die Menschen nur mit Ueberlegung die Geschichte der Schöpfung lesen würden, aus der ja hervorgeht, daß alle Menschen Brüder sind, Könige und Bettler, Weiße und Gelbe, so daß Bruderliebe uns alle verbinden sollte. Hier muß ich aufs neue aufmerksam machen auf ein wunderbares Mißverständnis bei denen, die das Gesetz Mose gar nicht kennen; manche von diesen glauben, daß das Gebot, seinen Nächsten zu lieben, erst vom Christentum stamme, und doch geht ja schon aus dem Evangelium hervor, daß es schon zur Zeit Jesu genugsam bekannt war, daß die großen Gebote seien: Gott und seinen Nächsten zu lieben. Und damit der Jude nicht glaube, daß unter dem Nächsten nur der Glaubensbruder oder Landsmann zu verstehen sei, wird in den Büchern Moses das Gebot der Liebe mit besonderer Betonung „des Fremden" wiederholt, und man darf sich nicht davon irre leiten lassen, daß Jesus dem Anschein nach sich nur als Sendbote für Israel betrachtet und darum auch nach seinem Tode seine zwölf Jünger über Israels zwölf Stämme setzen will. Israels Propheten und die großen Lehrer Israels betonen in vollständiger Übereinstimmung, daß Gott

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