Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Meine Religion und meine Lebensanschauung
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111082-3113594--2109-3113732- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
117 erwählte Volk, daß nur der fromme Israelit Teil haben wird an der ewigen Seligkeit. Ebenso, wie von unseren Weisen schon Beispiele von der Frömmigkeit mancher Heiden erwähnt werden, so lehrt auch unsere alte Ueberlieserung, „daß die Frommen aller Völker der Erde Teil haben werden «m Leben der zukünftigen Welt". Mit wie viel Befriedigung unsere Religion uns auch erfüllt, sie veranlaßt uns doch nicht, auf die Bekenner anderer Religionen herabzusehen oder sie zu beklagen, weil sie nach dem Tode vielleicht dafür leiden sollen, daß sie nicht das erreicht haben, was wir als die höchste Wahrheit betrachten. Es ist, wie ich betonen möchte, nicht in unseren Tagen, daß eine solche Anschauung vom Anteil aller Frommen am ewigen Leben zum Ausdruck gelangte, sondern von altersher war dies die beglückende Anschauung des Judentums. Ich erwähnte früher, daß es seine Schwierigkeiten haben könnte, auf einzelne entscheidende Dogmen für Israel hinzuweisen. Umgekehrt sehen wir, daß Israels Lehre, wie sie in der Schrift offenbart und festgehalten und entwickelt durch die Ueberlieserung ist, das ganze Leben des Israeliten umspannt; das Weltliche und das Religiöse. greift ununterbrochen in einander und läßt sich genau genommen gar nicht von einander trennen. Das ganz weltliche, die Arbeit um das tägliche Brot, wird für den Israeliten schon dadurch geheiligt, daß die Arbeitstage zum Sabbat führen, zu dem Ruhetage; und der die Woche krönende Tag ist uns nicht nur ein Andenken daran, daß die ganze Welt durch Gott erschaffen, sondern auch eiu Zeichen, daß er Israel zu seinem fteien Diener erkor; er ist der Tag, der sowohl in höchstem Maße der Tag des Gebetes als auch der Lehre sein sollte, an dem wir wieder daran erinnert werden, daß die kommenden Tage uns zu segensreichen werden, indem unsere irdische Arbeit in Gerechtigkeit und Reinheit ausgeführt wird. So gering unsere Stellung im Leben auch sein mag, jeder irdische Genuß wird für den Israeliten geheiligt, indem wir es stets bekennen, daß uns in Wirklichkeit nichts gehört, Gott uns aber alle Genüsse der Welt gegeben hat, damit wir uns an der schönen Welt freuen können, die erfüllt ist von den wunderbaren Gaben Gottes, für die wir