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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 115

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Meine Religion und meine Lebensanschauung
Date
1905-01-01
Page
Seite 115 (sequence 9)
Language
German
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115 wieder die Liebe Gottes als das alles Ueberwiegende hervor; und als Gott, nachdem sich Israel durch Anfertigung des goldenen Kalbes schwer gegen ihn versündigt hatte, auf die Bitte Moses ihn so viel von feinem Wesen erkennen läßt, als ein Mensch erfassen kann, ist es vor allem Gottes Langmut und Barmherzigkeit, die vor ihm offenbart wird. — Auch weiß Israels Lehre überhaupt nichts von einem Gottmenschen, der uns erlösen könnte; wir kennen Gott und wir kennen den Menschen, doch kein Wesen, das beides ist. Der Sünder jedoch — das will sagen, derjenige, der sich von dem Göttlichen entfernt hat — kann und soll selbst Buße tun; er muß selbst zurückkehren und kein anderer kann seine Sünden auf sich nehmen; wenn er seine Sünden bereut und zu Gott zurückkehren will, dann vermag er es auch, dann kann er seine Sünden abwerfen, und dann wird er wieder ausgenommen von ihm, der nach den Worten der Schrift keinen Gefallen findet an dem Tode des Sünders, sondern an der Umkehr des Sünders von dem schlechten Wege, damit er lebe. Wir glauben auch nicht an einen Teufel, an irgend ein Wesen, das in Bosheit Gott trotzen und die Menschen dazu vermögen könnte, sich vollständig von Gott abzuwenden. Und im Zusammenhang damit erwähne ich hier, daß innerhalb des Judentums auch keine Vorstellung, von einer Hölle mit ewigen Strafen Raum finden könnte. Die Vorstellung vom Leben nach dem Tode nimmt überhaupt in der jüdischen religiösen Lehre einen geringeren Platz ein als viele vielleicht glauben. Wohl verhält es sich so, daß der Glaube an ein Leben nach dem Tode, den die meisten Menschen hegen, als sicher und gewiß von unserer Religion bekräftigt wird, aber man befaßt sich nicht so viel damit; das Verborgene gehört Gott. Der Israelit hat die Ueberzeugung, daß, wenn er, so lange ihm Gott das Leben schenkt, danach-strebt, zu tun was gut und recht ist, dann auch Gott nach seinem Tode seine Seele in Empfang nehmen will und ihn zu seinen Vätern versammeln lassen wird, wie die Schrift es andeutet. Auch hier hält das Judentum wieder fest an einer geistigen Auffassung und ist daher von dem Ausmalen der Einzelheiten ausgeschlossen, wie man es innerhalb anderer Religionen findet. 8*

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