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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 114

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Meine Religion und meine Lebensanschauung
Date
1905-01-01
Page
Seite 114 (sequence 8)
Language
German
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114 erzogen innerhalb des Judentums; der Mann, der das Christentum den Heiden brachte, war der jüdisch geborene und jüdisch erzogene Pharisäer Paulus. Und wenden wir uns dem Muhamedanismus zu, so wissen wir ja, daß Muhamed, dessen Büchergelehrsamkeit gering oder gleich Null war, seinen Geist befruchtet hatte durch den Umgang mit den in Arabien zahlreich wohnenden Juden und durch jene ebenso wie durch den Umgang mit den Bekennern der Tochterreligion des Judentums, des Christentums, von dem Heidentum seiner Landsleute abgelenkt wurde. Viele, auch von denjenigen, die auf Grund ihrer Studien es eigentlich besser wissen sollten, sagen, daß das Judentum nur den strengen gerechten Gott kennt, und selbstverständlich werden solche Mißverständnisse mit Ueberzeugung wiederholt von jenen, welche nur wenig Gelegenheit oder wenig Lust haben, die Richtigkeit des Gesagten zu untersuchen. Es ist dies ein Mißverständnis; ganz gewiß lehrt uns das Judentum, daß Gott gerecht ist, und wir Menschen könnten uns wohl kaum eine Weltordnung oder eine Gesellschaftsordnung denken,, der die Gerechtigkeit nicht als Glied einverleibt ist. Die böse Tat muß ihre Folgen tragen, das Böse muß seine Strafe finden, aber noch stärker als die Gerechtigkeit betonen wir, in Übereinstimmung mit der Schrift und der Ueberlieferung, Gottes unendliche Liebe, seine Gnade und Barmherzigkeit. Der Jude hat keine Vorstellung, daß der Gott, der selbst die Menschen fo geschaffen hat, daß sie sich in Sünde von ihm entfernen können, sich dann über alle seine Geschöpfe und Kinder so ergrimmen könnte, daß er eines anderen, ja sogar seines eigenen gottmenschlichen Sohnes Leiden als unumgängliche Sühnopfer fordern sollte. Aber das Judentum kennt überhaupt die fürchterliche Lehre von der Erbsünde nicht, denn wir gehen im Gegenteil davon aus, daß dem Menschen die Menschenseele in Reinheit gegeben wird, von ihm in Reinheit bewahrt werden soll, damit sie in Reinheit zu Gott zurückkehren kann. Daß der Einfluß der Eltern auf die Kinder nicht in Widerspruch damit steht, will ich nur erwähnen; da wo in den. zehn Geboten von der Strafe Gottes an den sündigen Geschlechtern und von der Liebe Gottes für die frommen Geschlechter die Rede ist, tritt

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