Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Meine Religion und meine Lebensanschauung
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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113 auserwählte Volk nennt, wird nicht am wenigsten der Pflichten und der Verantwortung gedacht, die Gott uns auferlegt hat, und denen sich kein Israelit entziehen darf. Fragen wir dagegen, warum gerade wir auserkoren wurden, die Offenbarung Gottes für die Menschen zu empfangen, so würde es schwierig sein, eine im tiefsten Sinne befriedigende Antwort zu geben. Aber wir könnten Hinweisen aus das, was uns die Geschichte berichtet, daß es geschehen ist, könnten darauf Hinweisen, daß Gott in den verflossenenen Jahrtausenden trotz Israels Sünden, Abfall und Verleugnung niemals sein Volk vergessen hat, aber auch daran, daß Israel selbst in aller seiner Schwäche niemals seiner Aufgabe ganz untreu wurde, niemals ganz vergaß, daß es eine göttliche Offenbarung empfangen hatte, welche sein Leben war. Und wenn das Volk seinen Sünden unterliegen wollte, ließ Gott zu jeder Zeit solche Männer erstehen, die es, wieder auf den rechten Weg führten. Und den Zweck, das Vorbild hatten sie stets vor Augen, denn Israel betrachtete ja Gott als den Heiligen, der will, daß die Menschen trachten sollten, ihm ähnlich zu werden, also sich selbst zu heiligen suchen durch .Erfüllung seines göttlichen Willens, den er ihnen offenbart hatte. Unsere Religion ermahnt uns ununterbrochen, Gott zu erkennen zu suchen; wir sollen uns nicht mit einem blinden Glauben begnügen, der keine Rücksicht darauf nimmt, ob er sich vereinen lasse mit unserem Gefühl und unserer Vernunft. Wenn einerseits Israels Lehre von dem heiligen und gerechten Gotte, der gleichzeitig der langmütige und barmherzige ist, von Gottes Selbstoffenbarung für die Menschen ausgeht, so gibt uns gerade eine solche Offenbarung die vollkommene Befriedigung, weil diese übereinstimmt mit dem, was unsere Vernunft zu erkennen strebt, was unser Herz zu erfassen sucht. Und wenn jemals im Laufe der Jahrtausende irgend ein Zweifel an der geschichtlichen Begründung der Offenbarung beim Israeliten entstehen könnte, so muß schon dies jeden solchen Zweifel beschwichtigen helfen, daß wir gesehen haben, wie die großen Religionen aus dem Judentum entstehen konnten. Das Christentum hat seinen Ursprung in der Offenbarung Israels; der Mann, den das Christentum als den Erlöser der Menschheit ansieht, wurde geboren und 8