Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Meine Religion und meine Lebensanschauung
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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110 nennst als das Werk Gottes etwas so geringes wie dies, daß er Israel aus Aegypten geführt!" „Auch ich glaube an einen Gott, der die Welt erschaffen," antwortete der Jude, „aber derartiges ist Gegenstand der Spekulation und Diskussion. Ich nenne darum in erster Reche das, was Israel selbst erlebt hat, daß Gott sie durchs rote Meer geführt und durch die Wüste zum Sinai und in"s heilige Land geleitet. Mein Glaube beruht auf historischen Tatsachen, auf dem, wtzs erlebt wurde und danach von einem ganzen Volke berichtet worden ist. Und diese Erlebnisse bilden die Grundlage für die Religion, die das Bündnis zwischen Gott und uns ist." Diese Worte gefielen dem Chazarenkönige, das Gespräch wurde nun fortgesetzt und führte zu dem schon erwähnten Resultate, daß der König und seine Großen sich zum Judentum bekehrten. Diese dichterische Darstellung einer geschichtlichen Tatsache habe ich hier erwähnt, weil Jehuda Halevi das Rechte getroffen, indem er das Judentum als auf geschichtlicher Grundlage beruhend darstellt. Der Ausgangspunkt unserer Religion ist das, was nicht von einem einzelnen Menschen und nicht von einigen geschaut, sondern von einem ganzen Volke erlebt, unerschütterlich in der Erinnerung festgehalten wurde. Wenn man mich nach den Dogmen des Judentums frägt, kann ich nicht auf Lehrsätze Hinweisen, die von einer autoritativen Versammlung festgestellt worden sind als das entscheidende für unsere Religion. Die religiösen Denker haben versucht, die Grundsätze des Judentums zusammen zu fassen, einer in dreizehn Glaubensartikel, ein Anderer in acht, ein dritter in drei, und im vorigen Jahrhunderte hat man oft Moses Mendelssohns Ausspruch, daß das Judentum überhaupt keine Dogmen besitze, wiederholt. Selbst wenn letzteres kaum mehr als richtig anerkannt wird, kann man jedenfalls aus diesem Umstande ersehen, daß innerhalb des Judentums eine bedeutende Lehrfreiheit herrscht, wenn es gilt, die einzelnen entscheidenden Worte der heiligen Schrift und der Ueberlieferung zu deuten. Zch wäre geneigt zu sagen, das für das Judentum entscheidende ist, daß es uns den Glauben an einen einzigen Gott lehrt und den Glauben, daß dieser Gott sich uns offenbart hat.