Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Moses Maimonides
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111082-3113593--2089-3113713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
98 die talrnudischen Diskussionen zwar beibehalten, aber abgekürzt waren. Offenbar sollten diese Kompendien solchen, die sich nicht in den Talmud selbst vertiefen konnten, als Ersatz desselben dienen. Von der Ordnung der Materien war natürlich in diesen Kompendien nicht viel mehr als im Talmud selbst vorhanden. Es waren Versuche, die auch heute noch hohe Bedeutung besitzen, denen sich aber das Werk Maimunis als eine vollendete Leistung anreihte. Sie ist in Konzeption und Ausführung das großartigste, von einem einzigen Autor geschaffene Denkmal der rabbinischen Literatur, und es dürste nicht zu viel behauptet sein, wenn man sagt, daß auch andere Literaturen ihm kein ähnliches an die Seite zu setzen haben. Die Systematik ist hier auf das Strengste durchgeführt; jede Materie ist für sich in besonderen Abschnitten, die wiederum in Kapitel und Paragraphen zerfallen, genetisch behandelt, so daß die Darstellung von der betreffenden biblischen Bestimmung ausgeht, und sich in der Anreihung der Ausführungen und Erweiterungen, die sie in der Mischna, im Talmud und in späterer Zeit erfahren, fortsetzt. Man stelle sich die außerordentliche Quellenkunde vor, die Maimuni hierbei an den Tag legte, indem er das Zusammengehörige in den verschiedenen Grundschriften, in denen es zerstreut war, aufzufinden wußte. Noch mehr zu bewundern ist die Sicherheit und btt Mut seines Urteils. In den Talmuden bleiben viele Fragen unentschieden, der Streit der Meinungen ist nicht geschlichtet. Maimuni jedoch — und dies ist das zweite Moment, das man sich bei der Beurteilung seines Werkes vor Augen halten muß — schreckte nicht vor der Entscheidung zurück. Er stellt sie als etwas Ausgemachtes, Unantastbares hin, ohne sich auf eine Begründung einzulassen, ohne sich auf eine Autorität zu berufen, höchstens daß er einmal sagt: „So lehrten meine Meister." Das Bemerkenswerteste an dem Werke Maimunis ist aber dies, daß darin nichts von dem übergangen ist, was je einmal einen integrierenden Bestandteil der jüdischen Religion gebildet hatte, wenn es auch bereits seit vielen Jahrhunderten durch die Verhältnisse aus dem Leben geschwunden war. So widmet er besondere Abschnitte den Opfervorschriften, der