Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Moses Maimonides
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111082-3113593--2088-3113712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
97 hat sich Maimuni auf die geschichtliche Basis der jüdischen Religion gestellt. Schon dieser Schritt zeigt den geschickten Baumeister, der vor allem den geratenen Grund ermittelt, auf dem er seinen Bau aufführt. Um die Bedeutung des Werkes, das diesen Bau darstellt, zu ermessen, muß man sich zweierlei vor Augen halten. Erstens, daß weder in der Tora noch im Talmud die Religions Vorschriften nach den verschiedenen Materien, über die sie sich erstrecken, geordnet sind. Belehrungen über das Wesen Gottes und die Bestimmung des Menschen, zivil- und strafrechtliche Festsetzungen, Forderungen der Ethik, Anweisungen für die praktische Religionsübung, Polizeigesetze, Kultusvorschriften usw. sind unter einander gemischt. Der Talmud hat wohl schon gemäß den Ordnungen der Mischna die verschiedenen Materien unter bestimmten Rubriken vereinigt, doch schlingen sich die Fäden von einer Ordnung, einem Traktate in die anderen hinüber, so daß von einer wirklich durchgeführten Sonderung und Einteilung des Stoffes nicht die Rede sein kann. Diese Hatte auch den Redakteuren des Talmud nicht als Absicht vorgeschwebt. Sie wollten vielmehr das Bild der Verhandlungen, wie sie in den Lehrhäusern stattgefunden hatten, festhalten. Das Wesen dieser Debatten bestand aber gerade darin, daß man Uebereinstimmungen wie Widersprüche mit aus anderen Materien, als welche in Verhandlung standen, entlehnten Gründen nachwies, wobei der höchste Scharfsinn und die ausgebreitetste Kenntnis der Tradition bekundet wurden. Man hat deshalb gegen das Werk Maimunis, das diese Knäuel von Fragen und Antworten, Behauptungen und Widerlegungen auflöste, den Vorwurf erhoben, daß es dadurch, wie durch die nackte Aufstellung der Resultate der talmudischen Verhandlungen diese selbst, und damit den Talmud überhaupt in den Hintergrund zu drängen und die selbständige Entscheidung religiöser Fragen unmöglich zu machen drohe. Doch wollen wir der Untersuchung nicht vorgreisen. Soviel ist gewiß, daß das Werk einem Bedürftns entsprach. Dies beweisen die. Kompendien älterer Meister, in denen einerseits die nicht mehr in Geltung beffndlichen religiösen Bestimmungen, wie die Opfervorschristen u. dgl. übergangen, und andererseits