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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 91

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Ethisches Wissen und Leben im Judentum
Date
1905-01-01
Page
Seite 91 (sequence 16)
Language
German
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91 Rückwirkung auf die Eltern. Das Licht, bei welchem das Kind seine Schularbeiten des abends macht, leuchtet durch das ganze Haus. Der Unterricht allein aber genügt nicht. Es bedarf, damit die Menschen edel werden, noch anderer ethischer Bildungsmittel. Bei diesem Volke hat man mit großem Fleiße danach gesucht, und gefunden hat man sie vor allem darin, daß ein Gedanke, den ich vorhin bereits berührt habe,.zum öffentlichen Bewußtsein gebracht wurde, daß das Vorbud wichtig ist für die ethische Erziehung des Menschen. Das ist anerkannt. Und das überall anerkannteste ist, daß das Vorbild nicht blos im Leben eines einzelnen oder einzigen besteht, sondern daß das Vorbild ganz besonders in der Lebensführung der Gesamtheit zu bestehen hat. Nicht blos wie der einzelne hervorleuchtet, denn neben dem einzeln hervorleuchtenden Guten gibt es hervorstechendes Schlechte, und das eine Beispiel kann von dem andern ausgewogen werden. Das aber, was mit Sicherheit wirkt, das ist, wenn der Gesamtzustand ein vorbildlicher ist, und darauf wurde am meisten gesehen, gedrungen und gehalten. Das ist das ihnen Eigentümliche: das Verhältnis zwischen dem einzelnen und der Gesamtheit. Der einzelne sage ich, ist abhängig in seiner Gemütsbildung und seinen Gesinnungen vom Zustande der Gesamtheit. Aber die Gesamtheit besteht aus lauter einzelnen. Die Gesamtheit ist wiederum abhängig von jedem einzelnen. Nur in fortwährendem gegenseitigen Ergänzen löst sich dieses Problem. Und die alten Juden damals wußten sehr wohl, was sie anzuschärsen hatten, damit der Gesamtzustand auf der Höhe bleibe. Jene wohltuenden und ergreifenden Worte: Chatossenu und Awonossemi, welche wesentlich darauf hinausgingen: die Sittlichkeit des einzelnen gilt nicht als seine eigene blos, sondern sein Leben, wenn es zu Ehren der Gesamtheit geschieht oder zum Gegenteil geschieht, wird als ein Erfolg oder Mißerfolg für die Gesamtheit betrachtet, weil eben aus dem Leben aller, aus der Gesamtheit, aus der Anschauung dessen, was erlebt worden, die folgende Generation ihre Wurzel zieht, diese Erwägung, sage ich, war übergegangen in das öffentliche Bewußtsein, und nichts so sehr ist zu beklagen, als wenn eine Lockerung inbezug auf diese

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