Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Ethisches Wissen und Leben im Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 15)
- Language
- German
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90 Der Psalmist singt bereits: Aus dem Munde der Säuglinge und der jungen Kinder hast du eine Macht zugerichtet gegen die Feinde, um zum Schweigen zu bringen den Feind und den Lacher. Aus dem Munde der Säuglinge eine Macht zugerichtet, das heißt nach den Erklärern, daß diese Kinder bereits Psalmen singen, Loblieder auf Gott. Das ist die flache und glatte Auffassung. Ein Säugling singt keine Loblieder und Loblieder richten noch keine Macht zu gegen den Dränger und den Feind. Das was der Psalmist aber gesehen, ist das eine: Die tiefste Wurzel der Sittlichkeit empfängt bereits der Säugling; noch lange bevor er selbst sprechen kann, oder bevor man zu ihm gesprochen, hat der Blick der Liebe der Mutter sein Echo im Auge des Kindes gefunden, und die Sympathie zwischen Mutter und Kind hat es dahin gebracht, daß das Kind, bevor es sich selbst als sein eigen kennt, bereits den Zusammenhang mit seiner Mutter kennt. Bevor es die richtige Wurzel alles Unsittlichen, die Trennung des Menschen, gefaßt hat, hat es vielmehr die Wurzel alles Sittlichen gefunden: die Einheit der verschiedenen Personen. Nicht blos was das Kind von der Mutter empfangt, sondern was die Mutter vom Kinde empfängt, das auch richtet die sittliche Macht in der Welt zu; dieser Vers, verehrte Anwesende, von der stetigen sittlichen Macht des Säuglings konnte bei keinem Stamm, der Erde gedichtet werden als bei den Juden. In allen andern Literaturen würde man in einem solchen Vers nichts weiter als eine thörichte Uebertreibung gesunden haben. Hier war aus der Innigkeit des Familienlebens, welche als die Basis aller ethischer Erziehung angesehen wurde, die Zuspitzung, die Zusammenfassung des Grundgedankens von diesem tiefen Weben und Wesen des idealen Geistes in den allerersten Anfängen, wie er in dem Lächeln des Kindes und dem Blick der. Mutter sich kund gibt, zum Ausdruck gekommen. Ebenso beim Schulkinde. Wir gehen in die Irre, wenn wir dabei allein daran denken, daß dem Kinde die Wohltat der Kultur erwiesen wird. Wenn wir weitere Kreise betrachten, wenn wir diejenigen Kreise betrachten, welche den Tag über mit schwerer Arbeit belastet sind, dann hat die geistige Arbeit des Kindes ihre hohe Bedeutung auch in