Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Ethisches Wissen und Leben im Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111082-3113592--2082-3113707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
92 Anschauung stattfindet. Das, wodurch überhaupt jede Minorität, jede gedrückte Klasse sich auszeichnet, nicht die Juden allein, besteht eben wesentlich darin, daß sie ihre Würde und ihren Wert fortwährend dokumentieren muß; fehlt ihnen die äußere Macht, so müssen sie fortwährend den inneren Wert und die innere Würde zur Darstellung bringen. Dieser Gedanke, den die Minorität erheischt, hat-bei den Juden glänzende Früchte getragen, und es wäre schlimm, wenn er den Juden abhanden käme. — Namentlich aber ist es eine Gedankenreihe, auf welche ich am Schluß wenigstens noch einen ganz flüchtigen Blick werfen muß. Heutzutage weiß man sich etwas besonderes damit, wenn nicht blos bei theoretischen, sondern auch bei menschlichen Dingen von der Vererbung die Rede ist. Der Gedanke der Vererbung zieht sich durch die ganze Auffassungsweise, durch die ganze Literatur des jüdischen Volkes. Auf der einen Seite fortwährendes Drängen nach nationaler Erkenntnis, es wird behauptet, daß es notwendig sei für die neu erwachsende Generation, daß ihr die Gedanken direkt überliefert werden, immer ausgehend von der Voraussetzung, keine Tugend wächst mit dem Menschen von Natur, immer muß vorgesorgt werden für ihn. Auf der andern Seite wiederum eine Anerkennung der Vererbung, wie sie wiederum nirgends angetroffen wird. Ich erinnere Sie an den Gedanken, der übersetzbar, wenn genau, unmöglich, — und selbst in weiter Umschreibung schwer erreichbar ist: an 8eb.u8. Dies, was die ganze Geschichte eines Volkes zu einer Einheit macht, hat es sonst nirgends gegeben. Ich erinnere Sie ferner, daß wenn ein Mensch ein Unrecht beging, das gegen die Sittlichkeit verstieß, man sagte: er ist nicht vom Stamme Abraham. Die Voraussetzung, daß es gewisse Dinge gibt, die schlechthin vererbt werden, und auf der anderen Seite wieder das klare Bewußtsein, daß kein Mensch und keine Familie, auch diejenige, welche die sittlichste und reinste ist, sich auf Vererbung verlassen darf, sondern sie muß sorgen, daß im Wege des Unterrichts die Gedanken immer neu aufleben. . Lassen Sie uns alles dies einen frommen Wunsch bettachten und damit schließen.