Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Ethisches Wissen und Leben im Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 14)
- Language
- German
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89 gerade für uns, weil wir unser geistiges Besitztum erst wieder ausgraben müssen, um es kennen zu lernen. Zur Verbreitung des Wissens gehört vor allem, daß die Kinder unterrichtet werden. Nun, m. v. A., keine Literatur der Erde zeigt uns eine solche Glut der Begeisterung für Kinderunterricht, für Schulunterricht, wie gerade die jüdische Literatur. Mit einer Glorie umgeben sie Alles, was aus Kinder-Erziehung sich bezieht. Wir finden, daß eine Zeit lang, nahe zwei Jahrtausende vor unserem Jahrhundert, obligatorischer Schulunterricht eingesührt war. Und dann, als davon nicht mehr die Rede sein konnte, da finden wir, daß man alles, was Glänzendes und Großes der Mensch Hervorbringen kann, mit dem vergleicht: die Kinder in die Schule zu schicken. Ein Zug für alle: die Frauen waren frei gesprochen von der ganzen Last des Gesetzes. Von den 613 Geboten der Männer haben sie nur eine ganz kleine Zahl zu erfüllen, von allen übrigen waren sie sreigesprochen. Dafür, sagen die Rabbinen, halten sie die Kinder an, in die Schule zu gehen. Dies allein genügte, um sie als edel in diesem Leben und als selig für das zukünftige Leben hinzustellen. Im Talmud, im Tractat Sabbath, finden wir folgenden Ausspruch. An den Psalmvers: „Rührt nicht an meine Gesalbten und beleidigt nicht meinen Propheten", wird die Erklärung geknüpft: Beleidigt nicht meine Propheten, das sind die Gelehrten, rührt nicht an meine Gesalbten, das sind die Schulkinder, sie gelten als die Gesalbten des Herrn. Und wie sehr eine spätere Zeit unfähig war, das poetische und erhabene dieses Gedankens zu fassen, das sehen wir daraus, daß selbst ein so hervorragender Geist wie Raschi die Stelle nicht verstanden hat. — Er wundert sich darüber in seinem Herzen, daß Kinder Gesalbte genannt werden, und meinte, es sei Sitte gewesen, die Kinder mit Oel zu salben. Hier haben wir ein Beispiel des tiefsten Mißverständnisses erhabener Gedanken. Hier haben Sie auch den Grund, weshalb wir trachten müßten, zurückzukehren auf jene Höhe poetischer Lebensauffassung und philosophischer Tiefe jener Zeit. Und viel weiter noch als bei den Schulkindern har der jüdische Stamm in den Kindern selbst, bei denen die Sittlichkeit neu entstehen muß, den Quellpunkt derselben gesehen.