Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Ethisches Wissen und Leben im Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 13)
- Language
- German
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88 Erkenntnis zustande gekommen ist, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. In späterer Zeit zeigt sich uns ferner, daß die Autorität der Gelehrten ungemein anerkannt wird. Es bildet sich eine Verehrung der Weisen, der Gelehrten, der Rabbinen aus, wie sie kaum ihres Gleichen hat. Es gibt Aussprüche darüber, die sprechen von einer Gleichsetzung des Lehrers mit dem Vater, Gleichsetzung des Lehrers mit Gott; sie sind die Boten Gottes. Sie machen das Dunkle klar, das von oben her kommende, das Erleuchtende teilen sie dem Menschen mit. Es wird zur Volkssitte. Auch wenn die Weisheit des einzelnen dadurch nicht wächst, wenn immer und immer wieder dieselben Gedanken einem vorgeführt werden, so ist der Einfluß einer solchen allgemeinen ethischen Beschäftigung außerordentlich tief. Nicht nur daß der Mensch immer wieder zur Frage zurückkehrt, was ist denn eigentlich nun der Zweck des Daseins, sondern auch, was ist es denn, was dir als Norm des Lebens, als Ziel desselben vorschwebt? Daher denn auch der außerordentliche Widerwille gegen den völlig Unwissenden, bis zum Extrem, eine Art von Verachtung des Amiaarez wie sie and) sonst wohl so leicht nicht wiederkehrt. — Seltsam. — In unserm Jahrhundert war es, daß man in einer deutschen Stadt den Juden die deutschen Predigten verbieten wollte, weil sie eine christliche Einrichtung wären, die Predigt, die an die Verkündigung des Gesetzstückes sich anknüpfende Betrachtung, das älteste Erbstück des spezifisch jüdischen geistigen Lebens. Dahin kommts, wenn die historischen Tatsachen nicht anerkannt werden. Also auch dafür hatte man gesorgt, daß im Volke die historischen Tatsachen vergessen werden, während man in den ältesten Zeiten fortwährend bestrebt war, dieselben im Gedüchnis zu erhalten. Deshalb muß ich darauf Hinweisen: kein Volk hat so viel, keine Religion so viel Ursache, historische Kenntnisse zu erwerben als wir, denn sür uns liegen die erhabensten Gedanken, die erhabenste Schöpfung der Intelligenz in unserer Vergangenheit. Wissenschaft des Judentums zu treiben, Vorlesungen über dieselbe zu hören, ist deshalb ein so notwendiges Geschäft