Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Ethisches Wissen und Leben im Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 12)
- Language
- German
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87 gegen uns gerichtet wird, wäre eher ein Zurückhalten desselben zu wünschenwas aber am wünschenswertesten sür uns ist, daß wiederhergestellt werde der Mut der Selbstbetrachtung. Und nun lassen Sie uns zurückkehren zu einem andern heiterern Thema. Von der Verschiedenheit des Wissens und dem Charakter des Wissens bei den alten Völkern habe ich gesprochen. Ich habe zunächst auf einen Punkt noch besonders hinzuweisen, und das ist: Die Verbreitung dieses Wissens, die Verbreitung sittlichen Wissens. Im Jahre 444 vor der christlichen Zeitrechnung ereignet sich eine einfache Tatsache, welche absolut neu in der Geschichte der Menschheit gewesen ist. Auf dem Platze vor dem Wassertor zu Jerusalem ist eine Bühne aufgeschlagen, und auf der Bühne erscheinen Esra und Nehemia, umgeben von den großen und edlen Männern des Volkes, und versammelt um sie sind alle, Männer, Frauen und Jeglicher. Das Gesetz wird verlesen, das Gesetz der Sitte, nach welchem das Volk zu leben hat. Niemals in der Tat war es bis dahin vorgekommen, keine Literatur der Inder, Perser, Griechen oder Römer erzählt uns davon, daß es ein Volk gegeben, dem man sein Gesetz vorgelesen hat. Nicht viel später als Esra, wahrscheinlich zur Zeit Esras ist es geschehen, daß man diese Vorlesungen dergestalt wiederholt har, daß man einen Abschnitt des Gesetzes an allen Ruhetagen, an denen das Volk zusammenzukommen pflegte, an ^abbath- und Festtagen, verlas. Nun sehen Sie, verehrte Anwesende, wenn man in einer spätern Zeit, unter historischen Ueberlieferungen, wie wir, aufwächst, so erscheint dergleichen als ganz selbstverständlich. Natürlich ist es nur: die Juden kommen am Sonnabend im Tempel zusammen, ein Teil des Gesetzes wird vorgelesen; machens die Christen doch ebenso; sie kommen am Sonntag in der Kirche zusammen, und es werden Predigten gehalten. Das ist alles ganz selbstverständlich. Wenn man sich aber sagt, daß die andern Völker, so hoch sie auch gestiegen waren, Inder, Perser, Griechen oder Römer, daß bei denen so etwas wie eine öffentliche Belehrung, eine öffentliche Ablesung eines Gesetzes niemals stattgefunden hat, daß wir auch nicht eine Spur davon finden, so sieht man, daß hier eine neue Form der Verbreitung der