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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 86

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Ethisches Wissen und Leben im Judentum
Date
1905-01-01
Page
Seite 86 (sequence 11)
Language
German
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86 Das was in der letzten Zeit unser Wissen vom, Judentum und von den Juden ausmacht, das ist, daß von den Feinden fälschliche Angriffe kommen, und daß infolge dessen alle unsere Reden, unsere der Freunde Reden von Juden und Judentum einen apologetischen Charakter haben. Ueberall sprechen wir im Sinne der Verteidigung. Nun, meine verehrte Anwesende, die Einseitigkeit der Verteidigung ist gerade so schlimm wie die Verblendung und Verlogenheit der Fanatiker, eines wie das andere. Man weiche nie von der wirklichen Wahrheit, ab und wir, wir Juden sollten uns am allerwenigsten von der Erforschung der Wahrheit, auch da wo sie gegen uns zeugt, abhalten lassen. Die Juden waren im Altertum und bis auf die neueste Zeit das eigentliche klassische Volk der Selbsterkenntnis; bei den Juden treten Propheten auf, eine geistige Tätigkeit, eine Form der Einwirkung auf die Gesamtheit, wie wir sie bei andern Völkern nicht finden. Es treten Männer auf, welche mit der Macht und Wucht ihrer Worte die Gemüter des Volkes erschüttern, ihm den Spiegel ihres eigenen Lebens Vorhalten, nicht blos dem Volke, auch den Priestern, auch den Königen, um zu geißeln, was Arges und Schlimmes bei ihnen angetroffen wird. Keine Literatur der Erde zeigt uns einen so heftigen, einen so eminenten Appell, an das Gewissen eines Volkes, als gerade die prophetische Rede ist. — Und in späteren Zeiten, wenn irgend schweres oder hartes über Israel gekommen war, so war der allgemeine Ausdruck: Awonossenu. Sofort hat man den Grund in sich selbst gesucht. Wenn wir jetzt angegriffen werden, da tritt kein Mensch an sich heran, wir finden nur das Unrecht auf der anderen Seite. Wir haben aufgehört, das klassische Volk der Selbsterkenntnis zu sein. Wir sind viel zu tief, in viel zu ausschließliche Apologetik gelangt, und das ist eigentlich der schwerste Schaden, welche jene Angriffe uns zufügen, nach meiner Auffassung und nach meiner Ueberzeugung. Daß wir den Mut der vollen Wahrheit nicht mehr haben, daß wir aushören an der Vollkommenheit zu arbeiten dadurch, daß wir strenge und offenbare Kritik üben, das ist der größte Schaden. In der Tat, in einer solchen Zeit, wo aus jedem Worte das gesprochen wird, eine Waffe gegen uns geschmiedet und

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