Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Ethisches Wissen und Leben im Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111082-3113592--2074-3113699- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
84 sein muß. Und so bildete sich denn im Laufe der Zeit ein höchst seltsamer und merkwürdiger Gegensatz, welcher noch lange das Studium des Historikers und Psychologen in Anspruch nehmen wird, wenn man erst soweit gekommen sein wird, auch die Geschichte der Juden frei, unabhängig und tief genug zu erforschen. Durch zwei Jahrtausende hindurch ziehen sich fortwährend einander widerstreitende Gesetze, und nur diese Gesetze allein, verehrte Anwesende, sind es, unter denen die Schicksale der Juden sich vollziehen. Auf der einen Seite bilden sich mehr und mehr die sogenannten Mizwohs, die Erfüllung des Zeremonial-Gesetzes, heraus, die sittliche Weisheit tritt zurück, die Erforschung derselben wird matt; sind ja doch glänzende Lehren überliefert worden, man begnügt sich damit. Dahingegen aber wird das Ziel jedes einzelnen fortwährend darauf gestellt, daß er die Gebote erfülle. Von der ethischen Zucht, welche die Erfüllung aller jener Zeremonialgesetze auf das Volk ausgeübt hat, har man lange noch keine richtige Vorstellung. Man sieht fast immer nur die Schattenseite der Aeußerlichkeit einer solchen Gesetzeserfüllung, man sieht aber nicht die Lichtseite der Sittigung, welche über den Menschen gekommen ist, der immer den ganzen Tag hindurch, ohne egoistische Hintergedanken, unter Abwendung von dem persönlichen Eigeninteresse handelt zugunsten einer allgemeinen ideellen Vorschrift, an die alle ohne Ausnahme gebunden sind, und die er zu erfüllen hat. Aber zu einer sehr nachteiligen Seite derselben wird die Isolierung. Das konnte jeder für sich allein, das erheischt wenig gemeinsames Handeln; dieses sich Bornieren darauf, daß jeder für sich allein, wie man es nannte, ein frommer Mann sei, dies zerbröckelte die Gesamtheit. Wir finden dann auch einen großen Hang, sich zu beugen vor der Autorität. ’ Nirgends sehen wir mit einer solchen Macht und Gewalt die Autorität des Geistes herrschen, wie es bei den Juden gerade während der ganzen Zeit der Zerstreuung der Fall ist. Ich verweise Sie auf eine kleine Schrift des Professors Nippold und ich wünschte, daß sie weitere Verbreitung fände; der Mann ist evangelischer Theolog, der Mann hat als Professor der Universität in Bern seine