Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Ethisches Wissen und Leben im Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 8)
- Language
- German
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83 Das dritte, was ebenfalls an der jüdischen Fassung sittlicher Erkenntnis, wie an der Ausführung derselben sich als spezifisch erweist, ist die Gemeinsamkeit des sittlichen Lebens, das sittliche Gemeingesühl. Bei allen übrigen Völkern finden wir zwar, daß der Staat das Individuum absorbiert, daß er dessen Kraft in Anspruch nimmt, es in den allgemeinen Dienst stellt, aber insofern es die sittliche Gesinnung betrifft, bleibt jeder individualisiert. Hier bei den Juden ist es zwar niemals gelungen, sie zu einer wesentlichen Einheit zu bringen. Was aber in ihnen doch wiederum als Gemeinsamkeit durchschlägt, das ist das sittliche Gemeingefühl, das Bewußtsein: jede Handlung, welche du vollbringst, vollbringst du zwar als einzelner, aber du bist nicht blos ein einzelner, sondern ein Glied der Gesamtheit. In der ältern Zeit galt es für die Juden als das Ideal des Lebens, daß jeder einzelne aus seinem Hofe und seiner Hufe sitze, jeglicher unter seinem Feigenbaum und jeglicher unter seinem Weinstock. Als dann aber das Land verwüstet und seine Bewohner hinausgetrieben waren unter die anderen Völker, als durch Jahrhunderte keiner aus seinem Hofe und keiner auf seiner Hufe saß, da lernten sie den Individualismus, der ihnen, wenn ich sagen darf, gleichsam im Blute liegt, überwinden; sie lernten sich zusammenschließen, sie lernten, sie, die am meisten aus der Geschichte gelernt haben, sie, die allerdings die Zuchtrute der Geschichte am härtesten und am schwersten und längsten gefühlt haben von allen Völkern, sie lernten, daß der Individualismus überwunden werden muß, daß Gemeinsamkeit zur Gesinnung selbst gehört, daß die Gesinnung des einzelnen als solcher nicht die wahrhaft sittliche Gesinnung ist. Erinnern Sie sich, namentlich die älteren unter Ihnen werden es dem Worte nach noch gehört haben, wenn irgend ein Leid über die Juden gekommen war, über irgend eine Gemeinde, und man danach forschte, wo liegt der Grund, da nahm man an: es muß ein Chet in der Gemeinde sein. Man nahm dies an, gleichviel wo, in welcher Weise, gleichviel welches Gebot verletzt war, das Schicksal der Gesamtheit galt auch als Schicksal der Gesamtheit, weil auch für die Gesinnungen die ganze Gesamtheit einzig verantwortlich 6*