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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 81

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Ethisches Wissen und Leben im Judentum
Date
1905-01-01
Page
Seite 81 (sequence 6)
Language
German
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81 In der Theorie wie in der Praxis hat sich infolge dessen die Weisheit bei dem jüdischen Volke durchaus eigentümlich gestaltet. Zwar der Abstand zwischen sokratischer Reinheit oder platonischer Hoheit der Gesinnung und dem gemeineren Athenienser wird nicht größer und markanter sein, als der Abstand zwischen einem prophetischen Lehrer oder späterhin einem rabbinischen und einem gewöhnlichen Juden. Die Theorie ist immer so viel reiner, so viel edler, so viel höher, als die Wirklichkeit des Lebens sie gestalten wird. Insofern wird ein sonderlicher Unterschied zwischen den Völkern kaum entdeckt werden können, und es ist nichts weiter als eine gewisse Ueberhebung dieses oder jenes Volkes, wenn es sich ganz besonders für das tugendhafte hält. Allein etwas finden wir in der Entwickelung des ethischen Wissens und seinem Einflüsse auf das Leben bei dem jüdischen Stamme, was in der Tat einen tief einschneidenden Unterschied gegen alle übrigen Völker darbietet; zunächst und am wichtigsten gegen die Griechen, welche ja die klassischen Repräsentanten für alle arischen Völker gewesen sind. — Durch Jahrhunderte handelt sich ihre Betrachtung um die Weisheit der Lebensführung. Auch in Griechenland kommt sie, wenn auch viel später, etwa im 5. Jahrhundert empor; am meisten gefördert durch die Sophisten und Sokrates. Das charakteristische der Untersuchung, wie sie in Griechenland beginnt, und deshalb so wertvoll ist für die weitere Verbreitung der Wissenschaft, ist, daß man dahin gelangt, die Tugend für etwas Subjektives zu halten; sie ist das Erzeugnis des menschlichen Geistes, von seiner besonderen Neigung, von seiner Individualität abhängig. Bei den Hebräern steht ein für alle mal für alle fest: Die Thora. Hier ist ein positives Gesetze das enthält die Weisheit, und du hast nur dahin zu gelangen, diese Weisheit zu der deinigen zu machen. Wie weit von einander verschieden in den zweieinhalblausend Jahren der geistigen Forschung die Autoren auch sein mögen, in einem Sinne sind sie sich alle gleich. Nie hat es einen jüdisch-ethischen Schriftsteller gegeben, welcher gelehrt hätte, das ethische Wirken sei subjektiv, nie hat es einen gegeben, 6

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