Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Ethisches Wissen und Leben im Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 5)
- Language
- German
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80 daß ihr, was bis damals ebenfalls unerhört gewesen, die naturwissenschaftlichen Sammlungen im königlichen Palaste gezeigt worden sind. Es fehlte nicht an gymnastischen Spielen, die man ihr hätte zeigen können; es muß dergleichen gegeben haben, sonst könnte der Psalmist nicht als Gleichnis gebrauchen, wenn er von der Sonne sagt: „Sie geht hinaus wie ein Held zu durchlaufen die Rennbahn," das ist ein Beweis, daß die Rennbahn ein übliches gymnastisches Spiel gewesen ist. Von allem, womit Sokrates in seinen Gedanken sich beschäftigt hat, liegt ihm am meisten am Herzen und läßt ihn genau genommen sein ganzes Leben nicht los, die eine Frage: Ist die Tugend eine Erkenntnis, ein Wissen, kann man den Menschen durch Weisheit gut machen, ist es Intelligenz, auf welche es ankommt bei unserem ethischen Leben? Und die positive Antwort welche er gefunden hat, ist genau genommen dieselbe Ansicht, wie wir sie bei jenem Chachamim ausgebildet finden. Vor allem wird immer nur auf den einen Gedanken gesehen: Das Wissen, welches wir suchen, muß das Wissen von dem Recht und der Wahrheit des Lebens sein. Also Lebensweisheit ist alle Weisheit. Der Spruch: „das Eine was not tut zu suchen" ist ein echt jüdischer Spruch. Durch Jahrhunderte, man kann sagen ein volles Jahrtausend hindurch liegt diesem nach Lebensweisheit strebenden Volke, also ein Streben, was von Intelligenz zeugt, jede mystische Spekulation, alles philosophische Nachdenken über die letzten Dinge, soweit es nicht die edle Gestaltung des wirklichen Lebens betrifft, durchaus fern. Da wo das allerletzte dem Volke verkündet wird, die Eigenschaften Gottes, da ist es eigentlich der Name Gottes selbst, der auf den Inhalt des Daseins hindertet; alle angeführten dreizehn Eigenschaften sind ethische Eigenschaften. — Das wäre ein Anblick für Sokrates gewesen, ein Volk zu sehen, welches nichts weiter sucht, als was er für das eine und allein wahre hält. Für ihn, der alle Philosopheme der Griechen, die ihm vorangegangen waren, verspottet, weil sie das vernachlässigen, worauf es vor allem ankommt.