Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Ethisches Wissen und Leben im Judentum
Date
1905-01-01
Page
Seite 78 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3111067-3111082-3113592--2068-3113693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

78 Zukunft der Menschheit: „Die Erde wird voll sein von Erkenntnis, wie das Meeresbett von Wasser bedeckt ist." Vergebens suchen Sie bei allen alten Völkern nach irgend einem solchen Ausblick in die Zukunft, welcher als das einzige Ideal der Menschheit die Fülle der Erkenntnis zeigt. Der zweite Zug, der bei allen Propheten, namentlich bei den spätern allgemein hervortritt, das ist die Forderung an den Priester, daß er die Erkenntnis bewahre: „Die Lippen des Priesters sollen die Erkenntnis bewahren." Priestertum hat es bei allen Kulturvölkern gegeben, aber die Ausgabe, daß der Priester auch Lehrer zu gleicher Zeit sei, hat es nirgends gegeben. Der Priester ist überall ein Opferer, ein Seher; er verkündet den Willen der Götter und das Schicksal der Menschen, zum Lehrer der Menschen ist keiner bestellt. Zum Lehrer der Menschen bestellt der Prophet erst den Priester. Ein seltsamer Widerspruch: Die Wissenschaft hat ihre Entwickelung nicht durch den jüdischen Stamm gefunden; er ist nicht die Schöpfer dessen, was wir heute Wissenschaft nennen. Dabei aber, nachdem die Wissenschaft in die Welt getreten, nachdem arische Stämme, und unter ihnen ganz besonders die Griechen methodisches, fortschreitendes Wissen gezeitigt haben, da sehen wir, daß von Zeit zu Zeit, je nach den Umständen, die Juden offenen Geistes wie offenen Herzens an der Entwickelung dieses menschlichen Erbteils ihren Anteil nehmen; aber geschaffen haben sie es nicht. Die Griechen schufen die Wissenschaft. Bei den semitischen Völkern aber und besonders bei den Juden, zeigt sich von der frühesten Zeit an das eine: Die Anerkennung des ersten und letzten Grundes aller Wissenschaft, nämlich der Weisheit desjenigen Wissens, welches wir als ethisches Wissen kennen, desjenigen Wissens, welches berufen ist, das Leben zu regeln, welches berufen ist als Führerin für die Gestaltung des menschlichen Daseins. In der ganzen arischen Welt sehen wir, daß Helden emporkommen, Herrschaft gewinnen über die Menschen, das Leben ordnen und regieren. Alle diese Herrscher kommen empor durch Taten der Macht und der Gewalt ohne Ausnahme. Sie sind Helden des Kampfes, mindestens des politischen Kampfes. Meist sind sie Helden des Schlachtfeldes. Bei den semitischen Völkern aber, und wiederum vorzüglicherweise

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.