Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Ethisches Wissen und Leben im Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 2)
- Language
- German
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77 Nirgends nämlich finden wir irgend eine Andeutung von einem Antrieb, einem Motiv, einem Ideal dessen, was wir kurzweg Wissen oder Erkenntnis nennen. Keiner der homerischen Menschen sucht es, in keinem der Züge, welche uns geschildert werden, kommt so etwas vor, uns zeigend, daß es die Aufgabe, daß es die Hoffnung, das Streben des Lebens wäre, etwas zu wissen, eine Erkenntnis zu suchen oder zu finden. Die homerischen Menschen sind Kriegführer, tapfere Kämpfer, sie sind Staatsmänner, sie sind Bildner, Dichter, Sänger; von einem Lehrer ist nirgends die Rede. Erkenntnis ist nicht die Aufgabe. Ganz anders, verehrte Anwesende, zeigt sich die Sache, wenn wir unsern Blick von Griechenland nach Palästina wenden. Ungefähr 200 Jahre vor der Zeit, in welcher die homerischen Gesänge gesungen wurden, erscheint dort bereits eine wahrscheinlich sehr ausgebreitete Schule von Lehrern, die wir unter dem Namen der Chachamim kennen, d. h. Lehrer der Choehma, der Weisheit, der Erkenntnis, der Einsicht. Ueberall sehen wir da, wie die Einsicht und Weisheit gepriesen wird. Sie bildet das eigentliche Ideal des Lebens, wie sie Bedingung bildet einer jeden Vollkommenheit in der Lebensführung. Die Weisheit besteht in einzelnen Sprüchen, kurz zusammengefaßten, scharf zugespitzten Gedanken, ganz von derselben Art, wie wir sie dann bei den Griechen etwa 300—350 Jahre später, bei den sogenannten Gnomikern, vielleicht stellenweise auch bei den Erotikern wiederfinden. Acusmata, wie sie genannt wurden, Hörworte, die leicht ins Ohr und ins Herz gehen, leicht behalten werden. Von da an bis auf den heutigen Tag geht die Sehnsucht nach Weisheit und Erkenntnis nicht mehr aus dem jüdischen Sinne. Was als eigentliches Ziel dessen, was jeder einzelne für sich und die Gesamtheit als solche zu erreichen hat, gilt, ist, daß sie voll sei derjenigen Weisheit, deren der menschliche Geist auch fähig ist. — Der Prophet, in seinem Ausblick in ferne Zeitalter der Menschheit, in Zeitalter, von denen wir auch jetzt noch sagen können, sie liegen in einer uns fernen Zukunst, sie sind mit ihren Entfernungen so vor unserm Auge verhüllt, wie sie vor Jahrtausenden vor dessen Augen verhüllt gewesen sind — das eine hält er fest ins Auge, das eine gilt ihm als das Ideal jener